Die Schleitheimer Artikel
Aus MennoPedia
In den Schleitheimer Artikeln auch Glaubensartikel genannt, wurden die Grundsätze festgehalten: Glaubenstaufe, Bann gegen Andersgläubige (z. B. kein Getreideverkauf an Ungläubige, Abgrenzung von der mystisch-spiritualistischen Täufer-Richtung), Eidesverweigerung, Wehrdienstverweigerung, die Rolle der christlichen Gemeinde als Gemeinschaft der wahren Christen, die freie Wahl des geistlichen Hirten, das Abendmahl als Ausdruck christlicher Gemeinschaft und Absonderung von der Welt. Dies bedeutete eine Abwendung der Vermischung religiöser Ziele mit den sozialrevolutionären Forderungen der Bauernschaft. Ursache für die Täufersynode am 24. Februar 1527 in Schleitheim waren die täuferischen Entgleisungen in der Nordostschweiz. Die jungen Täufergemeinden sollen sich gegen Schwärmereien abgrenzen, wie Siersyzn in seiner Kirchengeschichte festhält.
Wesentlich mitgewirkt an den Artikeln in Schleitheim (bei Schaffhausen/Schweiz) hat Michael Sattler aus Strassburg. Er war früher Prior des benediktinischen St. Peter-Klosters im Schwarzwald. Man machte ihm im Mai 1527 im katholischen Rottenburg am Neckar den Prozess. Am 21. Mai wurde er hingerichtet, seine Frau ein paar Tage später ertränkt. Die Details Sattlers Folterung wurden von Wilhelm Reublich notiert, welcher hierüber an die Zürcher Täufer bericht erstattete.
So waren die 1527 entstandenen Schleitheimer Artikel ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Gruppen in der Schweiz, in Österreich, Frankreich und Holland.
Das Schleitheimer Täuferbekenntnis
Verfaßt von Michael Sattler am 24. Februar 1527
Anlaeßlich einer geheimen Synode von schweizerischen und sueddeutschen Taeufern erstellte Michael Sattler das so genannte Schleitheimer Bekenntnis. Dies gilt als eine taeuferische Bekenntnißchrift. Es zeugt vom Glauben der Taeufer und gibt zeitlose biblische Wahrheiten wieder. Die Versammlung fand am 24. Februar 1527 in Schleitheim (Kanton Schaffhausen - heutige Schweiz) statt und befaßte sich mit folgenden Fragen:
Die Taufe der Glaeubigen
Der Bann und die Gemeindezucht (Umgang mit Gemeindegliedern, die in Suende leben)
Das Brotbrechen (Abendmahl)
Die Absonderung (Verhaeltnis zur Papstkirche)
Die Gemeindeleitung (Voraußetzung und Aufgaben)
Das Verhaeltnis zur weltlichen Obrigkeit
Der Eid
Bruederliche Vereinigung etlicher Kinder Gottes, sieben Artikel betreffend:
Freude, Friede und Barmherzigkeit von unserm Vater durch die Gemeinschaft des Blutes Jesu Christi, mitsamt den Gaben des Geistes, der vom Vater gesendet wird, allen Glaeubigen zur Staerkung, zum Trost und zur Bestaendigkeit in aller Truebsal bis ans Ende. Amen.
Das wuenschen wir allen Liebhabern Gottes und Kindern des Lichtes, welche zerstreut sind allenthalben, wohin sie von Gott unserem Vater verordnet und wo sie einmuetiglich in einem Gott und Vater unser aller versammelt sind. Gnade und Friede im Herzen sei mit Euch allen. Amen.
Liebe Brueder und Schwestern in dem Herrn!
Uns liegt zuerst und vor allem daran. Euch zu troesten und Euer Gewißen, das eine Weile verwirrt war, zu staerken, damit Ihr nicht fuer immer als Heiden von uns abgesondert und mit Recht fast ganz ausgeschloßen werdet, sondern Euch wieder den wahren, eingepflanzten Gliedern Christi, die mit Geduld und Erkenntnis Christi ausgeruestet werden, zuwendet und so wieder mit uns vereinigt werdet in der Kraft eines goettlichen, christlichen Geistes und Eifers zu Gott.
Es ist offenkundig, mit welcher Tausendlistigkeit der Teufel uns hintergangen hat, damit er bei ihnen das Werk Gottes, das unter uns eine Zeitlang barmherzig und gnaedig begonnen worden ist, zerstoere und zu Grunde richte. Aber der treue Hirte unserer Seele, Christus, der solches in uns angefangen hat, der wird es bis ans Ende fuehren und lehren zu seiner Ehre und unserm Heil. Amen.
Liebe Brueder und Schwestern! Wir, die wir zu Schleitheim am Randen im Herrn versammelt gewesen sind, tun allen Liebhabern Gottes kund, daß wir in den Stuecken und Artikeln uebereingekommen sind, die wir im Herrn halten sollen, wenn wir gehorsame Kinder, Soehne und Toechter Gottes sein wollen, die abgesondert von der Welt in allem Tun und Laßen sind und sein wollen. Gott allein sei Preis und Lob, daß es ohne den Widerspruch irgendeines Bruders und in voller Zufriedenheit geschehen ist. In dem allem haben wir gespuert, daß die Einigkeit des Vaters und des uns alle verbindenden Christus samt ihrem Geist mit uns gewesen ist. Denn der Herr ist der Herr des Friedens und nicht des Zankes, wie Paulus sagt (i. Kor. 14, 33). Damit Ihr aber versteht, in welchen Punkten das geschehen ist, sollt Ihr aufmerken und verstehen.
Es ist von einigen falschen Bruedern unter uns ein sehr großes Ärgernis erregt worden. Es haben sich einige vom Glauben abgewandt, indem sie meinten, sie uebten und gebrauchten die Freiheit des Geistes und Christi. Aber sie haben die Wahrheit verfehlt und haben sich (sich selbst zum Gericht) der Geilheit und Freiheit des Fleisches ergeben und haben gedacht, der Glaube und die Liebe koennten alles tun und dulden und nichts koenne ihnen schaden oder verwerflich sein, weil sie doch glaeubig seien.
Merkt auf, ihr Glieder Gottes in Jesus Christus: Der Glaube an den himmlischen Vater durch Jesus Christus ist nicht so gestaltet, wirkt und handelt nicht solche Dinge, wie diese falschen Brueder und Schwester sie tun und lehren. Huetet Euch und seid gewarnt vor solchen! Denn sie dienen nicht unserm Vater, sondern ihrem Vater, dem Teufel.
Ihr aber nicht so! Denn die zu Christus gehoeren, die haben ihr Fleisch gekreuzigt mitsamt allen Luesten und Begierden. Ihr versteht mich wohl und (wißt), welche Brueder wir meinen. Sondert Euch von ihnen ab! Denn sie sind verkehrt. Bittet den Herrn, daß sie zur Erkenntnis und zur Buße kommen und daß wir bestaendig sind, den begonnenen Weg weiterzugehen nach der Ehre Gottes und seines Sohnes Christus. Amen.
Die Punkte, die wir behandelt haben und in denen wir eins geworden sind, das sind diese:
Taufe, Bann, Brechung des Brotes, Absonderung von Greueln, Hirten in der Gemeinde, Schwert, Eid.
Die Taufe der Gläubigen
Zum ersten merkt Euch ueber die Taufe: Die Taufe soll allen denen gegeben werden, die ueber die Buße und Änderung des Lebens belehrt worden sind und wahrhaftig glauben, daß ihre Suenden durch Christus hinweggenommen sind, und allen denen, die wandeln wollen in der Auferstehung Jesu Christi und mit ihm in den Tod begraben sein wollen, auf daß sie mit ihm auferstehen moegen, und allen denen, die es in solcher Meinung von uns begehren und von sich selbst aus fordern. Damit wird jede Kindertaufe ausgeschloßen, des Papstes hoechster und erster Greuel. Dafuer habt Ihr Beweise und Zeugniße in der Schrift und Beispiele bei den Aposteln (Matth. 28,19; Mark. 16,16; Apg. 2,38; 8,36f.; 16,31.33; 19,4f.). Dabei wollen wir einfaeltig, aber doch fest und mit Gewißheit bleiben.
Der Bann und die Gemeindezucht (Umgang mit Gemeindegliedern, die in Sünde leben)
Zum vierten haben wir uns ueber die Absonderung geeinigt: Sie soll geschehen von den Boesen und vom Argen, das der Teufel in der Welt gepflanzt hat, damit wir ja nicht Gemeinschaft mit ihnen haben und mit ihnen in Gemeinschaft mit ihren Greueln laufen. Das heißt, weil alle, die nicht in den Gehorsam des Glaubens getreten sind und die sich nicht mit Gott vereinigt haben, daß sie seinen Willen tun wollen, ein großer Greuel vor Gott sind, so kann und mag nichts anderes aus ihnen wachsen oder entspringen als greuliche Dinge. Nun gibt es nie etwas anderes in der Welt und in der ganzen Schoepfung als Gutes und Boeses, glaeubig und unglaeubig, Finsternis und Licht, Welt und solche, die die Welt verlaßen haben, Tempel Gottes und die Goetzen, Christus und Belial, und keins kann mit dem aendern Gemeinschaft haben. Nun ist uns auch das Gebot des Herrn offenbar, in welchem er uns befiehlt, abgesondert zu sein und abgesondert zu werden vom Boesen; dann wolle er unser Gott sein und wir wuerden seine Soehne und Toechter sein [2. Kor. 6,17 f.]. Weiter ermahnt er uns {Jes. 48,20, Offbg. i8,4ff), Babylon und das irdische Ägypten zu verlaßen, damit wir nicht auch ihrer Qualen und Leiden teilhaftig werden, die der Herr ueber sie herbeifuehren wird. Aus dem allen sollen wir lernen, daß alles, was nicht mit unserem Gott und mit Christus vereinigt ist, nichts anderes ist als die Greuel, die wir meiden und fliehen sollen. Damit sind gemeint alle paepstlichen und widerpaepstlichen Werke und Gottesdienste, Versammlungen, Kirchenbesuche, Weinhaeuser, Buendniße und Vertraege des Unglaubens und anderes dergleichen mehr, was die Welt fuer hoch haelt und was doch stracks wider den Befehl Gottes durchgefuehrt wird, gemaeß all der Ungerechtigkeit, die in der Welt ist. Von all diesem sollen wir abgesondert werden und kein Teil mit solchen haben. Denn es sind eitel Greuel, die uns verhaßt machen vor unserm Jesus Christus, welcher uns befreit hat von der Dienstbarkeit des Fleisches und faehig gemacht hat zum Dienst Gottes durch den Geist, welchen er uns gegeben hat. So werden dann auch zweifellos die unchristlichen, ja teuflischen Waffen der Gewalt von uns fallen, als da sind Schwert, Harnisch und dergleichen und jede Anwendung davon, sei es fuer Freunde oder gegen die Feinde - kraft des Wortes Christi: Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen [Matth. 5, 39}.
Das Brotbrechen (Abendmahl)
Zum dritten, was das Brotbrechen anlangt, sind wir uns einig geworden und haben folgendes vereinbart: Alle, die ein Brot brechen wollen zum Gedaechtnis des gebrochenen Leibes Christi, und alle, die von einem Trank trinken wollen zum Gedaechtnis des vergoßenen Blutes Christi, die sollen vorher vereinigt sein zu einem Leib Christi, das ist zur Gemeinde Gottes, an welcher Christus das Haupt ist, naemlich durch die Taufe. Denn wie Paulus sagt [ Kor. io, 21], koennen wir nicht zugleich teilhaftig sein des Tisches des Herrn und des Tisches der Teufel. Wir koennen auch nicht zugleich teilhaftig sein und trinken des Herren Kelch und der Teufel Kelch. Das heißt: Alle, die Gemeinschaft haben mit den toten Werken der Finsternis, die haben kein Teil am Licht, also alle, die dem Teufel folgen und der Welt, die haben kein Teil mit denen, die aus der Welt zu Gott berufen sind. Alle, die dem Boesen verfallen sind, haben kein Teil am Guten. So soll und muß es auch sein: Wer nicht die Berufung eines Gottes zu einem Glauben, zu einer Taufe, zu einem Leib zusammen mit allen Kindern Gottes hat, der kann auch nicht mit ihnen zu einem Brot werden, wie es doch sein muß, wo man das Brot in der Wahrheit nach dem Befehl Christi brechen will.
Die Absonderung (Verhältnis zur Papstkirche)
Zum vierten haben wir uns über die Absonderung geeinigt: Sie soll geschehen von den Boesen und vom Argen, das der Teufel in der Welt gepflanzt hat, damit wir ja nicht Gemeinschaft mit ihnen haben und mit ihnen in Gemeinschaft mit ihren Greueln laufen. Das heißt, weil alle, die nicht in den Gehorsam des Glaubens getreten sind und die sich nicht mit Gott vereinigt haben, dass sie seinen Willen tun wollen, ein großer Greuel vor Gott sind, so kann und mag nichts anderes aus ihnen wachsen oder entspringen als greuliche Dinge. Nun gibt es nie etwas anderes in der Welt und in der ganzen Schoepfung als Gutes und Boeses, glaeubig und unglaeubig, Finsternis und Licht, Welt und solche, die die Welt verlassen haben, Tempel Gottes und die Goetzen, Christus und Belial, und keins kann mit dem aendern Gemeinschaft haben.
Nun ist uns auch das Gebot des Herrn offenbar, in welchem er uns befiehlt, abgesondert zu sein und abgesondert zu werden vom Bösen; dann wolle er unser Gott sein und wir würden seine Söhne und Töchter sein. Weiter ermahnt er uns, Babylon und das irdische Ägypten zu verlassen, damit wir nicht auch ihrer Qualen und Leiden teilhaftig werden, die der Herr über sie herbeiführen wird. Aus dem allen sollen wir lernen, dass alles, was nicht mit unserem Gott und mit Christus vereinigt ist, nichts anderes ist als die Greuel, die wir meiden und fliehen sollen. Damit sind gemeint alle päpstlichen und widerpäpstlichen Werke und Gottesdienste, Versammlungen, Kirchenbesuche, Weinhäuser, Bündnisse und Verträge des Unglaubens und anderes dergleichen mehr, was die Welt für hoch hält und was doch stracks wider den Befehl Gottes durchgeführt wird, gemäss all der Ungerechtigkeit, die in der Welt ist. Von all diesem sollen wir abgesondert werden und kein Teil mit solchen haben. Denn es sind eitel Greuel, die uns verhasst machen vor unserm Jesus Christus, welcher uns befreit hat von der Dienstbarkeit des Fleisches und fähig gemacht hat zum Dienst Gottes durch den Geist, welchen er uns gegeben hat. So werden dann auch zweifellos die unchristlichen, ja teuflischen Waffen der Gewalt von uns fallen, als da sind Schwert, Harnisch und dergleichen und jede Anwendung davon, sei es für Freunde oder gegen die Feinde - kraft des Wortes Christi: Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen.
Die Gemeindeleitung (Voraussetzung und Aufgaben)
Zum fuenften haben wir uns ueber die Hirten in der Gemeinde folgendermaßen geeinigt: Der Hirte in der Gemeinde Gottes soll ganz und gar nach der Ordnung von Paulus [i. Tim. 3,7] einer sein, der einen guten Leumund von denen hat, die außerhalb des Glaubens sind. Sein Amt soll sein Lesen und Ermahnen und Lehren, Mahnen, Zurechtweisen, Bannen in der Gemeinde und allen Bruedern und Schwestern zur Beßerung vorbeten, das Brot anfangen zu brechen und in allen Dingen des Leibes Christi Acht haben, daß er gebaut und gebeßert und dem Laesterer der Mund verstopft wird. Er soll aber von der Gemeinde, welche ihn erwaehlt hat, unterhalten werden, wenn er Mangel haben sollte. Denn wer dem Evangelium dient, soll auch davon leben, wie der Herr verordnet hat [i. Kor. 9.14}. Wenn aber ein Hirte etwas tun sollte, was der Zurechtweisung bedarf, soll mit ihm nur vor zwei oder drei Zeugen gehandelt werden. Und wenn sie suendigen, sollen sie vor allen zurechtgewiesen werden, damit die aendern Furcht haben. Wenn aber dieser Hirte vertrieben oder durch das Kreuz zum Herrn hingefuehrt werden sollte, soll von Stund an ein anderer an seine Stelle verordnet werden, damit das Voelklein und Haeuflein Gottes nicht zerstoert, sondern durch die Mahnung erhalten und getroestet wird.
Das Verhältnis zur weltlichen Obrigkeit
Zum sechsten haben wir uns ueber das Schwert folgendermaßen geeinigt: Das Schwert ist eine Gottesordnung außerhalb der Vollkommenheit Christi. Es straft und toetet den Boesen und schuetzt und schirmt den Guten. Im Gesetz wird das Schwert ueber die Boesen zur Strafe und zum Tode verordnet. Es zu gebrauchen, sind die weltlichen Obrigkeiten eingesetzt. In der Vollkommenheit Christi aber wird der Bann gebraucht allein zur Mahnung und Außchließung deßen, der gesuendigt hat, nicht durch Toetung des Fleisches, sondern allein durch die Mahnung und den Befehl, nicht mehr zu suendigen. Nun wird von vielen, die den Willen Christi uns gegenueber nicht erkennen, gefragt, ob auch ein Christ das Schwert gegen den Boesen zum Schutz und Schirm des Guten und um der Liebe willen fuehren koenne und solle. Die Antwort ist einmuetig folgendermaßen geoffenbart. Christus lehrt und befiehlt uns [Matth. n, 29], daß wir von ihm lernen sollen; denn er sei milde und von Herzen demuetig, und so wuerden wir Ruhe finden fuer unsere Seelen. Nun sagt Christus zum heidnischen Weiblein, das im Ehebruch ergriffen worden war, nicht, daß man es steinigen solle nach dem Gesetz seines Vaters — obgleich er sagt: wie mir der Vater befohlen hat, so tue ich [vgl. Joh. 12, 50] -, sondern spricht [nach dem Gesetz] der Barmherzigkeit und Verzeihung und Mahnung, nicht mehr zu suendigen: «Gehe hin und suendige nicht mehr» (Joh. 8,11]! Zweitens wird wegen des Schwertes gefragt, ob ein Christ Urteil sprechen soll in weltlichem Zank und Streit, den die Unglaeubigen miteinander haben. Die Antwort ist diese: Christus hat nicht entscheiden oder urteilen wollen zwischen Bruder und Bruder des Erbteils wegen, sondern hat sich dem widersetzt. So sollen wir es auch tun. Drittens wird des Schwertes halber gefragt, ob der Christ Obrigkeit sein soll, wenn er dazu gewaehlt wird. Dem wird so geantwortet: Christus sollte zum Koenig gemacht werden, ist aber geflohen und hat die Ordnung seines Vaters nicht beruecksichtigt. So sollen wir es auch tun und ihm nachlaufen. Wir werden dann nicht in der Finsternis wandeln. Denn er sagt selbst: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" [Matth. 16,24]. Auch verbietet er selbst die Gewalt des Schwertes und sagt: "Die weltlichen Fuersten, die herrschen" usw.; "ihr aber nicht also" [Matth. 20, 25f.]. Weiter sagt Paulus: "Welche Gott zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleichfoermig sein sollen dem Ebenbild seines Sohnes" usw. [Rom. 8,29]. Auch sagt Petrus: "Christus hat gelitten, nicht geherrscht und hat uns ein Vorbild gelaßen, daß ihr seinen Fußstapfen nachfolgen sollt" [1. Petr. 2,21]. Zum letzten stellt man fest, daß es dem Christen aus folgenden Gruenden nicht ziemen kann, eine Obrigkeit zu sein: Das Regiment der Obrigkeit ist nach dem Fleisch, das der Christen nach dem Geist. Ihre Haeuser und Wohnung sind mit dieser Welt verwachsen; die der Christen sind im Himmel. Ihre Buergerschaft ist in dieser Welt; die Buergerschaft der Christen ist im Himmel. Die Waffen ihres Streits und Krieges sind fleischlich und allein wider das Fleisch; die Waffen der Christen aber sind geistlich wider die Befestigung des Teufels. Die Weltlichen werden gewappnet mit Stachel und Eisen; die Christen aber sind gewappnet mit dem Harnisch Gottes, mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Glaube, Heil und mit dem Wort Gottes. In summa: Wie Christus, unser Haupt ueber uns, gesinnt ist, so sollen in allem die Glieder des Leibes Christi durch ihn gesinnt sein, damit keine Spaltung im Leib ist, durch die er zerstoert wird. Denn ein jedes Reich, das in sich selbst zerteilt ist, wird zerstoert werden. Da nun Christus so ist, wie von ihm geschrieben steht, so mueßen die Glieder auch so sein, damit sein Leib ganz und einig bleibt zu seiner eigenen Beßerung und Erbauung.
Der Eid
Zum siebten haben wir uns ueber den Eid folgendermaßen geeinigt: Der Eid ist eine Bekraeftigung unter denen, die zanken oder Versprechungen machen, und es ist im Gesetz befohlen, daß er im Namen Gottes allein wahrhaftig und nicht falsch geleistet werden soll. Christus, der die Erfuellung des Gesetzes lehrt, der verbietet den Seinen alles Schwoeren, sowohl recht als auch falsch, sowohl beim Himmel als auch beim Erdreich, bei Jerusalem oder bei unserm Haupt, und das aus dem Grund, den er gleich darauf außpricht: "Denn ihr koennt nicht ein Haar weiß oder schwarz machen" [Matth. 5, 33-37]. Sehet zu! Darum ist alles Schwoeren verboten. Denn wir koennen nichts von dem garantieren, was beim Schwoeren versprochen wird, weil wir an uns nicht das Geringste aendern koennen. Nun sind einige, die dem einfaeltigen Gebot Gottes nicht Glauben schenken, sondern sagen und fragen so: Ei, nun hat Gott dem Abraham bei sich selbst geschworen, weil er Gott war (als er ihm naemlich versprach, daß er ihm wohl wollte und daß er sein Gott sein wollte, wenn er seine Gebote hielte); warum sollte ich nicht auch schwoeren, wenn ich einem etwas verspreche? Antwort: Hoere, was die Schrift sagt: "Als Gott den Erben der Verheißung auf ueberschwaengliche Art beweisen wollte, daß sein Ratschluß nicht wankt, legte er einen Eid ab, damit wir durch zwei unerschuetterliche Dinge (wodurch es unmoeglich war, daß Gott luegen koennte) einen starken Trost haben" [vgl. Hebr. 6,i7f.]. Merke die Bedeutung dieser Schriftstelle: Gott hat Gewalt zu tun, was er dir verbietet. Denn es ist ihm alles moeglich. Gott hat dem Abraham einen Eid geschworen - sagt die Schrift -, um zu beweisen, daß sein Rat nicht wankt. Das heißt: Es kann niemand seinem Willen widerstehen und hinderlich werden. Darum konnte er den Eid halten. Wir aber vermoegen es nicht, wie es oben von Christus ausgesprochen ist, daß wir den Eid halten oder leisten. Darum sollen wir nicht schwoeren. Nun sagen weiter einige so: Es ist im Neuen Testament nicht verboten, bei Gott zu schwoeren, und im Alten sogar geboten. Dagegen sei lediglich verboten, beim Himmel, Erdreich, bei Jerusalem und bei unserm Haupt zu schwoeren. Antwort. Hoere die Schrift: "Wer da schwoert beim Himmel, der schwoert beim Stuhl Gottes und bei dem, der darauf sitzt" [Matth. 23,22}. Merke: Schwoeren beim Himmel, der ein Stuhl Gottes ist, ist verboten. Wie viel mehr ist es bei Gott selbst verboten! Ihr Narren und Blinden, was ist groeßer, der Stuhl oder der darauf sitzt? Auch sagen einige so: Wenn es nun unrecht ist, daß man Gott zur Wahrheit gebraucht, so haben die Apostel Petrus und Paulus auch geschworen. Antwort: Petrus und Paulus bezeugen allein das, was von Gott Abraham durch den Eid verheißen war, und sie selbst verheißen nichts, wie die Beispiele klar zeigen. Aber Zeugen und Schwoeren ist zweierlei. Denn wenn man schwoert, so verheißt man Dinge, die noch in der Zukunft liegen, wie dem Abraham Christus verheißen wurde, den wir lange Zeit hernach empfangen haben. Wenn man aber zeugt, dann bezeugt man das Gegenwaertige, ob es gut ist oder boese, wie der Simeon zu Maria von Christus sprach und ihr bezeugte: "Dieser wird gesetzt zu einem Fall und einer Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird" [Luk. 5, 34]. Daßelbe hat uns auch Christus gelehrt, als er sagte: "Eure Rede soll sein ja ja und nein nein; denn was darueber ist, ist vom Argen" [Matth. 5, 37}. Er sagt: Eure Rede oder euer Wort soll sein ja und nein, was man nicht so verstehen kann, als ob er den Eid zugelaßen habe. Christus ist einfaeltig ja und nein, und alle, die ihn einfaeltig suchen, werden sein Wort verstehen. Amen.
Liebe Brueder und Schwestern im Herrn! Das sind die Artikel, die einige Brueder bisher falsch und dem wahren Sinn zuwider verstanden haben. Sie haben damit viele schwache Gewißen verwirrt, wodurch der Name Gottes sehr schwer gelaestert worden ist. Darum ist es notwendig gewesen, daß wir im Herrn uebereingekommen sind, wie es auch geschehen ist. Gott sei Lob und Preis. Weil Ihr nun den Willen Gottes reichlich verstanden habt, wie er jetzt durch uns offenbart ist, wird es notwendig sein, daß Ihr den erkannten Willen Gottes beharrlich und ohne Aufschub vollbringt. Denn Ihr wißt wohl, was dem Knecht an Lohn gehoert, der wißentlich suendigt. Alles, was Ihr unwißentlich getan habt und was Ihr bekannt habt, unrecht gehandelt zu haben, das ist Euch verziehen durch das glaeubige Gebet, das in uns in der Versammlung vollbracht ist fuer unser aller Verfehlung und Schuld, durch die gnaedige Verzeihung Gottes und durch das Blut Jesu Christi. Amen. Habt acht auf alle, die nicht nach der Einfaeltigkeit goettlicher Wahrheit wandeln, die in diesem Brief von uns in der Versammlung zusammengefaßt ist, damit jedermann unter uns regiert werde durch die Regel des Banns und forthin der Zugang der falschen Brueder und Schwestern unter uns verhuetet werde.
Sondert ab von Euch, was boese ist, so will der Herr Euer Gott sein und Ihr werdet seine Soehne und Toechter sein Liebe Brueder, seid eingedenk, mit was Paulus seinen Titus ermahnt. Er spricht so: "Die heilsame Gnade Gottes ist erschienen allen und zuechtigt uns, daß wir sollen verleugnen das ungoettliche Wesen und die weltlichen Lueste und zuechtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt und warten auf dieselbe Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst fuer uns gegeben hat, auf daß er uns erloeste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das da eifrig waere zu guten Werken" [Tit. 2,11-14].
Das bedenkt und uebt Euch darin, so wird der Herr des Friedens mit Euch sein. Der Namen Gottes sei ewig gebenedeit und hoch gelobt. Amen. Der Herr gebe Euch seinen Frieden. Amen.
Geschehen in Schleitheim am Randen, auf Matthiae [24. Febr.], Anno 1527.
