Mennonitisch-Katholischer Dialog:1100
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
I Eine gemeinsame Betrachtung der Geschichte
A. Einführung: Eine gemeinsame Hermeneutik oder die Geschichte der Kirche gemeinsam neu lesen
23. Gemeinsam die Geschichte der Kirche neu zu lesen, hat sich in jüngeren Dialogen zwischen den Kirchen als fruchtbar erwiesen.(5) Das gilt auch für unseren Dialog. Mennoniten und Katholiken haben mehr als 475 Jahre in Trennung gelebt. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sie unterschiedliche Ansichten über die Geschichte der christlichen Tradition. Durch das gemeinsame Studium der Geschichte erkannten wir, dass unsere Deutungen der Vergangenheit oft unvollständig und begrenzt waren. Der Austausch unserer Einsichten und Beurteilungen der Vergangenheit half uns, eine umfassendere Sicht der Geschichte der Kirche zu gewinnen.
24. Zuallererst erkannten wir, dass unsere beiden Traditionen Deutungen von Aspekten der Kirchengeschichte entwickelt haben, die durch negative Bilder vom anderen beeinflusst waren, wenn auch in verschiedener Weise und in verschiedenem Grade. Gegenseitige Feindbilder wurden begünstigt und blieben in der Geschichte weiterhin gegenwärtig in unseren jeweiligen Gemeinschaften und in unseren gegenseitigen Darstellungen. Unsere Beziehung, oder besser: ihr Fehlen, begann in Verbindung mit Abbruch und Trennung. Seitdem, vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, hat die theologische Polemik beständig Negativbilder und verengte Stereotypen vom jeweils anderen genährt.
25. Zweitens haben unsere beiden Traditionen die Geschichte in selektiver Weise wahrgenommen. Zwei Beispiele fallen einem sofort ein: das Zusammenspiel von Kirche und Staat im Mittelalter und die Anwendung von Gewalt durch Christen. Wir haben unsere Sicht der Geschichte der Christenheit manchmal auf diejenigen Aspekte beschränkt, die mit der Selbstdefinition unserer jeweiligen kirchlichen Gemeinschaften am meisten in Einklang zu stehen schienen. Unser Blickwinkel war oft durch die besonderen Perspektiven unserer Traditionen bestimmt, die häufig zu einer Weise des Studiums der Vergangenheit führten, in der die Ergebnisse unserer Forschung schon durch unsere ekklesiologischen Ausgangspunkte beeinflusst waren.
26. Die Erfahrung, die Geschichte der Kirche in einer Atmosphäre der Offenheit gemeinsam zu studieren und neu zu lesen, ist von unschätzbarem Wert gewesen. Sie hat uns geholfen, eine umfassendere Sicht der Geschichte der christlichen Tradition zu gewinnen. Wir sind daran erinnert worden, dass uns mindestens 15 Jahrhunderte einer gemeinsamen christlichen Geschichte verbinden. Die Alte Kirche und die Kirche des Mittelalters waren und sind auch weiterhin der gemeinsame Grund für unsere beiden Traditionen. Wir haben auch erkannt, dass die folgenden Jahrhunderte der Trennung für uns beide einen Verlust bedeuten. Die Vergangenheit gemeinsam neu zu lesen hilft uns, bestimmte Aspekte unserer kirchlichen Erfahrung wiederzugewinnen und wiederherzustellen, die wir aufgrund der Jahrhunderte der Trennung und Feindschaft vielleicht unterbewertet oder gar unberücksichtigt gelassen haben.
27. Dass wir die Geschichte der Kirche gemeinsam neu lesen, wird hoffentlich zur Entwicklung einer gemeinsamen Deutung der Vergangenheit beitragen. Das kann zu einer gemeinsa-men neuen Erinnerung und zu einem gemeinsamen neuen Verständnis führen. Umgekehrt kann uns eine gemeinsame Erinnerung aus dem Gefängnis der Vergangenheit befreien. Auf dieser Grundlage hören Katholiken wie Mennoniten die Aufforderung, Baumeister einer Zukunft zu werden, die mehr dem Auftrag Christi entspricht, als er sagte: “Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt” (Joh 13,34f.). Dank diesem Gebot können Christen Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen. Sie können die Irrtümer in ihrer Geschichte beim Namen nennen, sie bereuen und an ihrer Berichtigung arbeiten. Der mennonitische Theologe John Howard Yoder hat geschrieben. “Es ist ein besonderes Element der christlichen Botschaft, dass es ein Heilmittel für eine ungute Vergangenheit gibt. Wenn sich das Element der Reue nicht in der Begegnung zwischen den Glaubensgemeinschaften auswirkt, haben wir nicht am ganzen Zeugnis des Evangeliums teil.”(6)
28. Solche Akte der Reue tragen zur Reinigung der Erinnerung bei; dies war eins der Ziele, die Papst Johannes Paul II. während des Heiligen Jahres 2000 verkündete. Die Reinigung der Erinnerung zielt auf eine Befreiung unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Bewusstseins von allen Formen von Groll und Gewalt, die das Erbe von Schuld in der Vergangenheit sind. Jesus bittet uns, seine Jünger, diesen Akt der Reinigung dadurch vorzubereiten, dass wir selbst Versöhnung suchen und auch anderen Versöhnung gewähren. Das tat er, indem er seine Jünger das Vaterunser lehrte, in dem wir bitten: “Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern” (Mt 6,12). Die Reinigung der eigenen Erinnerung, als einzelne und als kirchliche Gemeinschaften, ist in unseren zwischenkirchlichen Dialogen und in unseren Beziehungen ein erster Schritt auf dem Wege zur gegenseitigen Heilung der Erinnerungen (vgl. III. Kapitel).
29. Den Prozeß der Heilung der Erinnerungen in Angriff zu nehmen, erfordert eine exakte Analyse und erneuerte Bewertung der Geschichte. Es ist keine geringe Aufgabe, einzutreten in “eine historisch-kritische Untersuchung ... Diese Methode verlangt eine sorgfältige Verwendung aller erreichbaren Informationen zur Rekonstruktion des Umfeldes, der Denkweisen, der Rahmenbedingungen und Entwicklungsabläufe, in denen sich die entsprechenden Ereignisse und Aussagen bewegen. Nur so kann man die Inhalte genau benennen und die Herausforderungen beschreiben, die die Ereignisse bei all ihrer Eigenart und Verschiedenheit für die Gegenwart bedeuten”.(7) Wenn wir diesen Weg gewissenhaft weitergehen, kann uns ein gemeinsames neues Lesen der Geschichte bei der Reinigung unseres Verstehens der Vergangenheit eine Hilfe sein als ein Schritt auf dem Wege zur Heilung der oft schmerzlichen Erinnerungen unserer jeweiligen Gemeinschaften.
