Mennonitisch-Katholischer Dialog:1360

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Mennonitisch-Katholischer Dialog


Aufgabenfelder für weiteres Studium


49. Wenn sich in einer Gesellschaft ein Konflikt ereignet und Trennung die Folge ist, nehmen Debatten leicht den Charakter der Selbstrechtfertigung an. Da Mennoniten und Katholiken nach Jahrhunderten gesellschaftlicher Trennung miteinander zu reden beginnen, müssen wir uns bewusst sein, dass wir bedeutsame Gesichtspunkte unseres Selbstverständnisses und unserer Theologie in Zusammenhängen entwickelt haben, in denen wir oft zu beweisen versucht haben, dass wir im Recht und die anderen im Unrecht sind. Wir brauchen Instrumente der historischen Forschung, die uns helfen, sowohl zu sehen, was wir gemeinsam haben, als auch verantwortlich die Unterschiede anzusprechen, die uns trennen. Mennoniten müssen sich heute mit einer auf fast fünf Jahrhunderte angewachsenen Geschichte befassen, die mit einer wachsenden Erfahrung der Eingliederung in die herrschende Gesellschaft verbunden ist. Auf der anderen Seite befinden sich Katholiken zunehmend in Situationen des Nichteingegliedertseins, in denen sie mit denselben Fragen konfrontiert werden, mit denen die Mennoniten als Minderheitskirche in früheren Zeiten konfrontiert waren. Diese Tatsachen könnten beiden Traditionen helfen, offener für die Anliegen der anderen zu sein und sowohl achtsamer auf die 15 Jahrhunderte einer gemeinsamen Geschichte zu blicken als auch auf die unterschiedlichen Wege, die jede Tradition seit dem 16. Jahrhundert beschritten hat. Unsere gemeinsame Geschichte von 15 Jahrhunderten, die auf dem Fundament der Kirchenväter ruht, erinnert uns an den Dank, den die westliche Christenheit der östlichen schuldet, und auch an die reichen und mannigfaltigen theologischen, kulturellen, spirituellen und künstlerischen Traditionen, die im Mittelalter in Blüte standen.

50. Zeitgenössische Historiker sprechen vom “Linken Flügel der Reformation” oder der “Radikalen Reformation ”. Weniger polemische und weniger konfessionelle historische Betrachtungsweisen zeigen, dass es sehr verschiedene Theologien und Versuche unter den Dissidenten der Reformation gab. Es waren nicht nur Täufer, Spiritualisten und Rationalisten unter den sogenannten “Enthusiasten” oder “Schwärmern”. Es gab auch verschiedene Arten von Täufern und Spiritualisten. Die heutigen Mennoniten erkennen ihren Ursprung in den gewaltfreien Täufergruppen der Schweiz, Süddeutschlands und der Niederlande. Katholische wie mennonitische Gelehrte sind sich heute der verwickelten Situation beim Zerbrechen der Christenheit im 16. Jahrhundert bewusst geworden. Sie erkennen auch an, dass der Bruch zwischen der katholischen Kirche und den täuferischen Gruppen in dem umfassenderen Rahmen der sozialen, politischen und religiösen Konflikte des 16. Jahrhunderts studiert und verstanden werden sollte. Die Unterdrückung und Verfolgung von Täufern und Mennoniten muß im Rahmen einer Gesellschaft wahrgenommen und bewertet werden, die eher auf gewaltsame “Lösungen” als auf Dialog setzte.

51. Weitere gemeinsame Studien durch katholische und mennonitische Historiker könnten unsere Kenntnis und unser Bewusstsein von der Komplexität unserer Geschichte vertiefen. Katholiken täten gut daran, sich mit der Geschichte der überaus großen Unterschiedlichkeit der radikalen Bewegungen vertraut zu machen. Dies würde eine Hilfe sein, um fortwährende historische Fehldeutungen der Mennoniten zu verhindern. Zugleich müssen Mennoniten neu bedenken, wie schwierig es im 16. Jahrhundert gewesen sein muß, die Unterschiede zwischen denjenigen auszumachen, die Rom wie auch Luther ablehnten. Diejenigen, die sich heute Mennoniten nennen, kamen zu einem lehrmäßigen Verständnis der Gewaltlosigkeit erst nach dem Bauernkrieg (1527 bei Schleitheim im Fall der schweizerischen Täufer) und nach Münster (im Fall der holländischen Täufer).

52. Die gemeinsame Erfahrung von Martyrium und Verfolgung könnte Katholiken und Mennoniten helfen, ein neues Verständnis der Bedeutung des Martyriums zu gewinnen in der schmerzvollen Spaltung der christlichen Kirche in der frühen Neuzeit aufgrund der engen Bindung zwischen Religion und Gesellschaft zu dieser Zeit. Ein gemeinsames Studium der Geschichte von Martyrium und Verfolgung im 16. Jahrhundert kann Katholiken helfen, die mennonitische Erfahrung des Martyriums und deren Wirkung auf die mennonitische Frömmigkeit und Identität zu würdigen und zu achten. Mennoniten könnten aus einem Studium des Minderheitenstatus der katholischen Kirche in vielen Ländern seit der Reformation und aus der Erkenntnis, dass auch Katholiken die Erfahrung einer Jahrhunderte währenden Verfolgung gemacht haben, Gewinn ziehen.


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