Mennonitisch-Katholischer Dialog:1410

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Mennonitisch-Katholischer Dialog


A. Ereignisse und Wandlungen gemeinsam lesen


54. Mit “Konstantinischer Ära”, “Wandel” und “Wende” nehmen wir Bezug auf die bedeutsamen Entwicklungen, die vom Beginn des 4. Jahrhunderts an stattfanden. Mennoniten und andere radikale Reformatoren sprechen von diesen Veränderungen als dem “Konstantinischen Fall”.(21) Im Jahre 313 erließ der römische Kaiser Konstantin das Edikt von Mailand, welches den Christen gestattete, ohne Verfolgung neben anderen Religionen zu existieren. Er verlangte auch, dass alle Gebäude, Friedhöfe und andere Besitzungen, die in früheren Verfolgungen enteignet worden waren, an die Kirche zurückgegeben werden sollten. Im Jahre 380 erklärte der Kaiser Theodosius I. per Dekret das Christentum dadurch zur offiziellen Religion des Reiches, dass er das Nizänische Glaubensbekenntnis zum Reichsgesetz erhob. Jetzt hatten andere Religionen als das Christentum keinen Rechtsstatus mehr im römischen Reich und sie wurden oft zum Gegenstand von Verfolgung. Aufgrund dieser Veränderungen entwickelte sich die Kirche von einer unterdrückten Kirche (ecclesia pressa) zu einer geduldeten Kirche (ecclesia tolerata) und dann zur triumphierenden Kirche (ecclesia vincens) im römischen Reich.(22)

55. Im 4. und 5. Jahrhundert wurde das Christentum zu einer geachteten Religion mit einer größeren Freiheit, seine Sendung in der Welt zu erfüllen. Kirchen wurden gebaut, und Gottesdienste fanden ohne Furcht vor Verfolgung statt. Das Evangelium wurde überall in der Welt unter günstigen politischen Rahmenbedingungen gepredigt mit dem Ziel, Kultur und Gesellschaft zu evangelisieren. Aber während derselben Epoche übten weltliche Herrscher manchmal Macht über die Kirche aus und beanspruchten oft das Recht, kirchliche Angelegenheiten zu regeln. Und in einigen Fällen beriefen sie, wenn auch nicht ohne Widerstand von seiten der Kirche, Synoden und Konzile ein und kontrollierten die Besetzung der verschieden Arten kirchlicher Ämter, vor allem derjenigen der Bischöfe in den wichtigen Städten des Reiches. Die Kirche akzeptierte die Vergünstigungen und die wohlwollende Behandlung durch den Staat. Die Staatsmacht wurde genutzt, um christliche Lehren durchzusetzen. Bis zu einem gewissen Maß akzeptierten die Christen selbst die Anwendung von Gewalt, z.B. bei der Ver-teidigung der rechten Lehre und im Kampf gegen das Heidentum, obwohl einige sich dieser Gewaltanwendung widersetzten. In den folgenden Jahrhunderten des Mittelalters führte diese Einstellung in manchen Fällen zu massenhaften Zwangsbekehrungen, zum Zwang in Glaubensdingen und zur Verhängung der Todesstrafe gegen “Häretiker”.(23) Gemeinsam verwerfen wir diejenigen Seiten der Konstantinischen Ära, die von einigen charakteristischen christlichen Verhaltensweisen abweichen und sich von der Ethik des Evangeliums entfernen. Wir gestehen das Versagen der Kirche ein, wenn sie Gewaltanwendung zur Bekehrung rechtfertigte, eine einheitliche christliche Gesellschaft durch Zwangsmittel zu schaffen und zu erhalten suchte und religiöse Minderheiten verfolgte.

56. Dass Mennoniten und Katholiken die Geschichte der Alten Kirche gemeinsam neu lesen, haben mindestens zwei neuere Entwicklungen begünstigt. Zuallererst haben sich das soziale Umfeld und die gesellschaftliche Stellung sowohl der katholischen Kirche als auch der mennonitischen Kirchen gewandelt. In vielen Teilen der Welt haben mennonitische Kirchen ihre Isolation verlassen, die ihnen oft durch andere auferlegt wurde. So machen Mennoniten die Erfahrung, dass sie aufgerufen sind, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat die katholische Kirche 1) Religions- und Gewissensfreiheit für alle erklärt, 2) Zwang in religiösen Dingen zurückgewiesen und 3) vom Staat für sich selbst und für alle Glaubensgemeinschaften allein Freiheit in religiösen Dingen für die Individuen wie für die Religionsgemeinschaften begehrt.(24) Die katholische Kirche hat somit auf jeden Wunsch verzichtet, eine Vorrangstellung in der Gesellschaft einzunehmen und als Staatskirche anerkannt zu werden.(25) In den folgenden Jahrzehnten hat die katholische Kirche das Prinzip der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat eifrig verteidigt. In seiner Enzyklika Centesimus Annus (1991) hat Papst Johannes Paul II. dargelegt, dass die Religionsfreiheit die “Quelle und Zusammenfassung” der anderen Menschenrechte ist. Zweitens fordert das Dokument von 1999 “Erinnern und Versöhnen”, das von der Internationalen Theologenkommission veröffentlicht wurde, dazu auf, die Geschichte der Kirche zu studieren und die Fehler der Vergangenheit einzugestehen, um dadurch die Versöhnung der Erinnerungen zu erleichtern und Wunden zu heilen.

57. Unsere beiden Traditionen bedauern bestimmte Seiten der Konstantinischen Ära, aber wir erkennen auch an, dass manche Entwicklungen des 4. und 5. Jahrhunderts Wurzeln in der frühen Geschichte der Kirche hatten und in legitimer Kontinuität mit ihr stehen. Mennoniten interpretieren den Wandel unter Konstantin sehr negativ. Katholiken haben ein ausgeprägteres Empfinden für die Kontinuität der Kirche in dieser Epoche und durch die Jahrhunderte hin. Aber wir erkennen beide an, dass vergangene Zeiten sich sehr von der Gegenwart unterscheiden, und wir müssen auch vorsichtig sein, wenn wir historische Ereignisse nach unseren gegenwärtigen Maßstäben beurteilen.


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