Mennonitisch-Katholischer Dialog:1420
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Aufgabenfelder für weiteres Studium
58. Wir können darin einer Meinung sein, dass wir durch ein gemeinsames Lesen der Quellen über die Alte Kirche Wege zur Überwindung einiger der Stereotypen finden, die wir voneinander gehabt haben. Das Quellenstudium (zurück zu den Quellen), mit dem sich die katholische Kirche bei der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils befasste, bereicherte den Katholizismus, und eine parallele Bewegung beginnt im zeitgenössischen Täufertum.(26) Mit der Verwendung frühchristlicher Quellen können wir neue Wege zum Verständnis der Frage nach Kontinuität und Erneuerung in der Geschichte festigen. Wir können beide übereinstimmend sagen, dass das Studium der Konstantinischen Ära für uns darin von Bedeutung ist, dass es wichtige Fragen bezüglich der Sendung der Kirche in die Welt und ihrer Methoden der Evangelisierung aufwirft.
59. Verschiedene Seiten des nachkonstantinischen Christentums werden in unseren jeweiligen Traditionen unterschiedlich beurteilt. Katholiken würden Dinge wie die allgemeine Übung der Kindertaufe, die Weiterentwicklung im Verständnis von Bekehrung wie auch die Haltung der Christen zu Militärdienst und Eid als Beispiele legitimer theologischer Entfaltungen ansehen. Mennoniten betrachten dieselben Erscheinungen als verhängnisvolle Veränderungen einer früheren christlichen Praxis und als Untreue gegenüber dem Weg Jesu. Nach katholischem Verständnis ist die Schaffung einer christlichen Gesellschaft während des Mittelalters, die alle sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen in Einklang mit dem Evangelium zu bringen versuchte, ein ehrenwertes Ziel gewesen. Mennoniten sind weiterhin gegen die theologische Rechtfertigung eines solchen Bemühens und stehen seinen Ergebnissen in der Praxis kritisch gegenüber. Mennoniten neigen auch dazu, die Kontinuität der Kirche während dieser Epoche in Menschen und Bewegungen zu erkennen und zu finden, die manchmal von der katholischen Kirche als häretisch abgelehnt wurden. Natürlich erkennen sie die Kontinuität auch in Reformbewegungen innerhalb der mittelalterlichen Kirche.
60. Mennoniten können den Standpunkt zur Religionsfreiheit bejahen, der von der “Erklärung zur Religionsfreiheit” (Dignitatis humanae) des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1965 eingenommen wurde. Ein Schlüsselzitat der “Erklärung” lautet folgendermaßen:
“Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln” (Dignitatis humanae, 2).
Dieses Zitat und der vollständige Text geben in vielfacher Weise den Standpunkt wieder, der von Täufern im 16. Jahrhundert eingenommen wurde. Täufer wie Balthasar Hubmaier(27) oder Pilgram Marpeck(128) zogen die Anwendung von Zwang in bezug auf den religiösen Pluralismus in Zweifel und kritisierten den Einsatz politischer Mittel gegen diejenigen, die in anderer Weise glaubten oder die überhaupt keinen religiösen Glauben hatten. Dieselbe Erklärung zeigt auch, dass die katholische Kirche auf den Anspruch verzichtet, in irgendeinem wie auch immer gearteten Zusammenhang “Staatskirche” zu sein. Protestanten werden nicht mehr als Häretiker bezeichnet, sondern als getrennte Schwestern und Brüder in Christus, selbst wenn noch weiterhin Meinungsverschiedenheiten bestehen und die sichtbare Einheit noch nicht erreicht ist. Diese “Erklärung” wie auch andere bedeutende Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils haben sichtlich einen Beitrag zu Dialogen wie diesem geleistet. Im Lichte dieser Veränderungen werden neue Möglichkeiten für gegenseitige Beziehungen möglich.
61. Katholiken erklären nachdrücklich, dass die “Erklärung über die Religionsfreiheit” eine Lehrentwicklung darstellt, die solide Grundlagen in Schrift und Tradition hat.(29) Die “Erklärung” sagt:
“Gewiß ist bisweilen im Leben des Volkes Gottes auf seiner Pilgerfahrt – im Wechsel der menschlichen Geschichte – eine Weise des Handelns vorgekommen, die dem Geist des Evangeliums wenig entsprechend, ja sogar entgegengesetzt war; aber die Lehre der Kirche, dass niemand zum Glauben gezwungen werden darf, hat dennoch die Zeiten überdauert.”(30)
Die mennonitische Lesart der mittelalterlichen Geschichte hegt Zweifel an einem solchen Anspruch. Sie stellt fest, dass bedeutende Theologen, Päpste, Ökumenische Konzile, Kaiser und Könige Verfolgung theologisch gerechtfertigt haben. Sie unterstützten die Bestrafung von Häretikern durch den Staat und seit Theodosius erzwang die Kirche in manchen Fällen die “Christianisierung” einer großen Zahl von Menschen. Die Kontinuität der Tradition und die unterschiedlichen Interpretationen der Lehrentwicklung in dieser Hinsicht müssen ebenso wie die Methoden der Evangelisation weiter gemeinsam studiert werden. Dennoch ermöglicht der gegenwärtige katholische Standpunkt in dieser Frage einen bedeutsamen Fortschritt im Dialog und gegenseitiges Verstehen und Zusammenarbeit.
62. Katholiken und Mennoniten interpretieren die geschichtliche Entwicklung der Praxis der Kindertaufe in der Christenheit in unterschiedlicher Weise. Katholiken verstehen die Kindertaufe als eine seit alters her festgehaltene Tradition der Kirche in Ost und West, die auf die ersten Jahrhunderte der Christenheit zurückgeht. Sie verweisen auf die Tatsache, dass liturgische Dokumente wie die “Apostolische Tradition” (ca. 220) und Kirchenväter wie Origenes und Cyprian von Karthago von der Kindertaufe als von einer alten und apostolischen Tradition sprechen. Auf der anderen Seite betrachten Mennoniten die Einführung der Praxis der Kindertaufe als eine spätere Entwicklung und sie verstehen ihre allgemeine Übung als die Folge der Veränderungen, die der Begriff der Bekehrung während der Konstantinischen Ära erfahren hat. Die geschichtliche Entwicklung der Taufpraxis muß in ihrem Verhältnis zu der sich wandelnden Stellung der christlichen Kirche in Kultur und Gesellschaft von katholischen und mennonitischen Wissenschaftlern gemeinsam noch gründlicher untersucht werden.
