Mennonitisch-Katholischer Dialog:1500

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Mennonitisch-Katholischer Dialog


E. Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis des Mittelalters


Überprüfung unserer jeweiligen Bilder des Mittelalters


63. Wenn katholische und mennonitische Historiker die Kirchengeschichte im Mittelalter von neuem betrachten, werden sie sich der Tatsache bewusst, dass ihre Bilder von der mittelalterlichen Kirche einseitig, unvollständig und oft voreingenommen sein können. Diese Bilder bedürfen der sorgfältigen Revision und Erweiterung im Lichte der modernen Forschung. Katholischen Historikern wird es immer deutlicher, dass das Mittelalter nicht so tiefgreifend christianisiert war, wie es das Bild des 19. Jahrhunderts vom “katholischen Mittelalter” sehen wollte.(31) Mennonitischen Historikern wird es immer deutlicher, dass das Mittelalter nicht so barbarisch und verderbt war, wie es ihre auf Wiederherstellung bedachte Sicht gezeichnet hat. Die Epoche zwischen der Alten Kirche und der Reformationszeit wird heute als viel komplexer, verschiedenartiger, vielstimmiger und vielfarbiger erachtet, als die von den Konfessionen gezeichneten Bilder dieser Epoche uns glauben machen wollten.

64. Darum ist es für unsere beiden Traditionen wichtig, das “andere” Mittelalter zu sehen, nämlich diejenigen Aspekte der Epoche, die in dem populären und in unseren jeweiligen Religionsgemeinschaften weit verbreiteten Bild fehlen. Für Katholiken ist es wichtig, neben den positiven Aspekten der christlichen Kultur des Mittelalters die Elemente der Gewalt, der Zwangsbekehrung, der Verbindungen zwischen Kirche und weltlicher Macht und der schrecklichen Auswirkungen des Feudalismus im mittelalterlichen Christentum zu sehen. Für Mennoniten ist es wichtig, neben den negativen Aspekten zu sehen, dass der christliche Glaube auch eine Grundlage für die Kritik an der weltlichen Macht und der Gewalt im Mittelalter bot. Verschiedene Reformbewegungen, die von Klöstern (z.B. Cluny), aber auch von den Päpsten (ganz besonders die Gregorianische Reform) angeführt wurden, versuchten, die Kirche von weltlichen Einflüssen und der Vorherrschaft der Politik zu befreien.(32) Unglücklicherweise hatten sie nur einen sehr begrenzten Erfolg. Andere Bewegungen, die oft von Mönchen und Asketen, aber auch von Päpsten und Bischöfen angeführt wurden, versuchten, den Einsatz von Gewalt in der mittelalterlichen Christenheit einzuschränken, und suchten die Unschuldigen, Schwachen und Schutzlosen zu beschützen. Wieder hatten ihre Bemühungen nur einen sehr begrenzten Erfolg. Dennoch gab es in der oft gewalttätigen Gesellschaft der mittelalterlichen Christenheit eine ununterbrochene Tradition kirchlicher Friedensbewegungen.(33) Alle diese Bewegungen und Initiativen erinnerten die mittelalterliche Kirche an ihre Berufung und ihre Sendung: das Reich Gottes zu verkündigen und Friede und Gerechtigkeit zu fördern. Ihr Streben nach Freiheit der Kirche von weltlicher Vorherrschaft war auch ein Streben nach der Reinheit der Kirche. Ähnliche Anliegen nahmen auch in den Freikirchen des 16. Jahrhunderts Gestalt an.


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