Mennonitisch-Katholischer Dialog:1620
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Das katholische Kirchenverständnis
71. Für Katholiken “ist die Kirche in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit”.(37) Die Kirche umfasst “ein göttliches und ein menschliches Element”.(38) Verschiedenartige biblische Bilder sind verwendet worden, um die Wirklichkeit der Kirche zum Ausdruck zu bringen (z.B. die Kirche als Knecht, als Braut, als Gemeinde der Versöhnten, als Gemein-schaft usw.)
72. Aus dieser bunten Fülle treten besonders drei Bilder hervor. Erstens wird die Kirche als das Volk Gottes verstanden, nämlich als ein Volk, das Gott in der heiligen Kirche versammeln wollte im Glauben an Christus. “Sie war schon seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet; in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund wurde sie auf wunderbare Weise vorbereitet”.(39) Die Kirche wird daher in Kontinuität mit dem auserwählten Volk gesehen, das sich am Berg Sinai versammelte und das Gesetz empfing und von Gott als sein Volk gegründet wurde. (Ex 19). Nichtsdestoweniger trat mit dem Erlösungstod und der Auferstehung Christi und dem Kommen des Heiligen Geistes am Pfingstfest ein neuer Höhepunkt in der Heilsgeschichte ein. Diejenigen, die Christus nachfolgen, sind, wie es in 1 Petr 2,9 ff heißt, “ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk”. So hat die Kirche die Berufung erhalten, teilzunehmen an Gottes Plan, allen Völkern bis an die Grenzen der Erde das Licht der Erlösung, die Christus ist, zu bringen.
73. Ein zweites Bild, das mit der Kirche verbunden wird, ist, dass sie der Leib Christi in der Welt und für die Welt ist. Vielleicht findet sich die tiefgründigste Aussage über diese Realität im paulinischen Gebrauch des Bildes vom Leib da, wo das Wort ekklesia für die eucharistische Versammlung gebraucht wird, die der Leib Christi für die Welt ist (1 Kor 11). Auch hier besteht wieder eine deutliche Kontinuität mit der Idee der universalen Sendung Israels, die durch die Gegenwart der Christen wahrgenommen wird, die zum Leib Christi in der Welt gehören. Paulus mahnt uns, dass Christus die Welt mit Gott versöhnt und dadurch eine neue Schöpfung hervorgebracht hat, wodurch alle, die in Christus sind, Gesandte für Christus sind, “da Gott es ist, der durch uns mahnt ... Laßt euch mit Gott versöhnen!” (2 Kor 5,20).
74. Ein drittes Bild ist das von der Kirche als dem Tempel des Heiligen Geistes (vgl. Eph 2,19-22; 1 Kor 3,16; Röm 8,9; 1 Petr 2,5; 1 Joh 2,27; 3,24). Die Kirche wird als der Tempel des Heiligen Geistes verstanden, weil sie der Ort der fortwährenden Gottesverehrung ist. Er-füllt mit dem Heiligen Geist, preist die Kirche fortwährend Gott und betet ihn an. Christen werden durch die Taufe zu lebendigen Steinen im Bau des Tempels des Heiligen Geistes. Gemäß der “Dogmatischen Konstitution über die Kirche”
“... betet und arbeitet die Kirche, dass die Fülle der ganzen Welt in das Volk Gottes eingehe, in den Leib des Herrn und den Tempel des Heiligen Geistes, und dass in Christus, dem Haupte aller, jegliche Ehre und Herrlichkeit dem Schöpfer und Vater des Alls gegeben werde”.(40)
Ganz wie die Dreifaltigkeit in der Verschiedenheit der Personen eine ist, so ist auch die Kirche eine, obwohl es viele Glieder gibt. Für Katholiken kommt diese Einheit vor allem im Sakrament der Eucharistie zum Ausdruck (1 Kor 10,17), wo die Erkenntnis der Einheit des Geistes durch das Band des Friedens verwirklicht wird. So heißt es im Epheserbrief:
“Ein Leib und ein Geist ... Aber jeder empfing die Gnade in dem Maß, wie sie ihm Christus geschenkt hat ... die Gaben aber wurden verliehen ..., um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir al-le zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen” (vgl. Eph 4,4-13)”.
75. Katholiken bringen das Mysterium der Kirche in der Begrifflichkeit der inneren Beziehung zum Ausdruck, die sich im Leben der Dreifaltigkeit findet, nämlich koinonia oder Gemeinschaft. Gemeinschaft mit Gott ist das Herzstück unserer neuen Beziehung zu Gott. Diese ist als “Friede oder Gemeinschaft” beschrieben worden und besteht in der Versöhnung der Welt mit Gott in Jesus Christus (2 Kor 5,19).(41) Diese Gabe des Friedens/der Gemeinschaft wird uns durch den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen geschenkt, Jesus Christus. Dadurch wird Jesus Christus zum Urbild von Gemeinschaft. Er ist der Eckstein, auf dem der Bau der Kirche ruht; er allein ist das Haupt des Leibes, und wir sind die Glieder. Dieser Bau wird errichtet als das “Haus Gottes, das auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut ist; der Schlussstein aber ist Christus” (Eph 2,20).
76. Ein Mensch wird in Christus und in die Kirche wahrhaft eingegliedert durch das Sakrament der Taufe und voll in die Heilsökonomie integriert durch den Empfang der Firmung und der Eucharistie.(42) Durch diese Sakramente werden neue Glieder in den Leib Christi aufgenommen und übernehmen gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern Mitverantwortung für das Leben und die Sendung der Kirche.
77. Katholiken glauben auch, dass die Apostel als Ausdruck ihrer Sorge um das Vermächtnis des Herrn würdige Männer ausgewählt haben, um die Aufgabe, das treue Zeugnis von Christus durch die Zeiten weiterzutragen, wahrzunehmen. So wird die Kontinuität mit den Apos-teln durch die apostolische Sukzession der Amtsträger vermittelt, deren Aufgabe es ist, das Wort Gottes zu verkünden, “sei es gelegen oder ungelegen” (2 Tim 4,2), mit gesunder Lehre zu lehren und die Auferbauung des Leibes Christi in Liebe zu leiten. Die “Dogmatische Kon-stitution über die göttliche Offenbarung”, Dei verbum stellt klar die Bedeutung des geoffenbarten Wortes Gottes für die Gläubigen fest, wenn sie sagt: “Durch seine Offenbarung wollte Gott sich selbst und die ewigen Entscheidungen seines Willens über das Heil der Menschen kundtun und mitteilen”.(43) Das Zweite Vatikanische Konzil anerkennt ferner die Rolle der Apostel bei dieser Übermittlung(44) und die Rolle des gläubigen Volkes bei der treuen Übermittlung des Glaubens, wenn es sagt:
“Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20 u. 27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie ‚von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien’ ihre allgemeine Ü-bereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert”.(45)
78. Ferner glauben Katholiken, dass die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung den einen Schatz des Wortes Gottes bilden. Dieser einzigartige Schatz ist der Kirche anvertraut worden. “Die Aufgabe, das Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird.” Das “Lehramt” (Magisterium) wird von den Bischöfen in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom, dem Papst, ausgeübt.(46) Da das Lehramt nicht über dem Wort Gottes steht,(47) ist das Lehr-amt des Papstes und der Bischöfe ein Dienst am Wort Gottes und bildet eine Einheit mit Tradition und Schrift und lehrt nichts, als was ihm überliefert ist. In seiner Enzyklika über die Verpflichtung der katholischen Kirche zum Ökumenismus Ut unum sint bestimmt Johannes Paul II. diesen Punkt als einen der fünf Themenfelder für die weitere Diskussion.
“Schon jetzt ist es möglich, die Themen festzulegen, die vertieft werden müssen, um zu einer echten Übereinstimmung im Glauben zu gelangen: 1) die Beziehungen zwi-schen Heiliger Schrift als oberster Autorität in Sachen des Glaubens und der heiligen Tradition als unerläßlicher Interpretation des Wortes Gottes ...”(48)
79. Der Bischof von Rom hat das Amt, die Gemeinschaft unter allen Kirchen zu erhalten, und daher ist er der erste Diener der Einheit. Dieser Primat wird auf verschiedenen Ebenen ausgeübt. Dazu gehören das Wächteramt über die Weitergabe des Wortes Gottes, die Feier der Liturgie und der Sakramente, die Sendung der Kirche, die Kirchenzucht und das christliche Leben. Er hat auch die Pflicht und die Verantwortung, im Namen aller Hirten zu sprechen, die in Gemeinschaft mit ihm stehen. Er kann auch – unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die vom Ersten Vatikanischen Konzil klar umrissen worden sind – ex cathedra erklären, dass eine bestimmte Lehre zum Glaubensgut gehört. Ferner gilt:
“Religiöser Gehorsam des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem au-thentischen Lehramt des Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu leisten; nämlich so, dass sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, ent-sprechend der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht”.(49)
Indem er so Zeugnis für die Wahrheit ablegt, dient er der Einheit.(50)
80. Die Kirche (die Gläubigen und die geweihten Amtsträger) ist daher verpflichtet, eine treue Zeugin dessen zu sein, was sie in Wort (Lehre/Predigt) und Tat (heiliges Leben) empfangen hat. Das ist möglich aufgrund der Salbung, die sie durch den Heiligen Geist empfangen hat (1 Joh 2,20 f.). Die Kirche lebt folglich unter dem Wort Gottes, weil sie durch dasselbe Wort in der Wahrheit geheiligt wird (Joh 17,17), und da sie geheiligt ist, kann sie folglich die Welt in der Wahrheit heiligen. Die katholische Kirche bekennt, dass die Kirche in der Tat heilig ist, weil sie durch ihren Herrn und Erlöser Jesus Christus gereinigt wird und den Heiligen Geist empfangen hat, den Beistand, um Gottes gerechte Sache vor allen Völkern zu vertreten. Wer Jesus nachfolgt, muß den Geist dieser Welt mit dem Geist der Seligpreisungen überwinden. Das ist die Fortsetzung der Sendung Jesu, “die Welt zu überführen, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist” (Joh 16,8 ff.). Das ist nur möglich mit der Hilfe des Heiligen Geistes, dem Beistand.
81. Wenn Katholiken von der einen Kirche Gottes sprechen, verstehen sie diese als “verwirklicht in und gebildet aus Teilkirchen”(51) und glauben, dass sie in der katholischen Kirche verwirklicht ist.(52) Nach der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die Universalkirche die Gesamtheit der Teilkirchen, aus denen (in et ex quibus) die eine und einzige katholische Kirche hervorgeht,(53) aber die Ortskirchen existieren auch in und aus der einen Kirche, nach deren Bild sie gestaltet sind.(55) Die eben beschriebene Wechselbeziehung zwischen der Gemeinschaft der Teilkirchen und der einen Kirche bedeutet, dass die eine Kirche und die verschiedenen Teilkirchen gleichzeitig existieren. Sie sind einander innerlich (perichoretisch). In dieser Perichorese hat die Einheit der Kirche Vorrang vor der Verschiedenheit der Ortskirchen und vor allen Sonderinteressen; darauf stoßen wir wirklich oft im Neuen Testament (1 Kor 1,10 ff.). “Für die Bibel entspricht die eine Kirche dem einen Gott, dem einen Christus, dem einen Geist, der einen Taufe (vgl. Eph 4,5 f.) und lebt entsprechend dem Modell der Urgemeinde von Jerusalem (Apg 2,42)”.(56)
82. Eine Teilkirche ist der Teil des Gottesvolkes, der um den Bischof versammelt geeint ist, dessen Sendung es ist, das Evangelium zu verkünden und die Kirche durch die Sakramente – besonders durch Taufe und Eucharistie – aufzubauen.(57) Die Gemeinschaft der Teilkirchen wird geleitet durch den Bischof von Rom, den Nachfolger Petri, dem die Sorge anvertraut wurde, den Glauben seiner Brüder zu stärken und zu festigen. Zusammen mit den Bischöfen leitet der Papst die katholische Kirche in ihrer Sendung, die frohe Botschaft vom Reich Gottes und das Geschenk der Erlösung in Jesus Christus zu verkünden, das Gott in Freiheit allen Menschen anbietet.
83. In der Vergangenheit wurde “Katholizität” in der Bedeutung verstanden: die ganze Welt umfassend. Obwohl diese Sichtweise richtig ist, gibt es eine tiefere Bedeutung, die darauf hinweist, dass es trotz der Verschiedenheit im Ausdruck die Fülle des Glaubens, die Achtung vor den Gaben des Heiligen Geistes in ihrer Verschiedenheit, die Gemeinschaft mit anderen apostolischen Kirchen und die wahrheitsgetreue Verkörperung in den menschlichen Kulturen gibt.(58) “Gemäß dem innersten Anspruch ihrer eigenen Katholizität” strebt die universale Sendung der Kirche danach, “das Evangelium allen Menschen zu verkünden” und verlangt nach der besonderen Eigenart der Kirchen. Darum muß die Kirche alle Sprachen sprechen und alle Kulturen umfassen.(59) Außerdem muß die Kirche die Menschwerdung Christi nachahmen, der sich selbst mit den konkreten sozialen und kulturellen Verhältnissen der Menschen verband, unter denen er lebte.(60) So gesehen beinhaltet Katholizität den Appell, alle legitimen menschlichen Besonderheiten mit einzuschließen.(61) Die Katholizität der Kirche besteht daher darin, dass man denselben apostolischen Glauben, der in verschiedenen Kulturen und an verschiedenen Orten überall auf der Welt verkörpert worden ist, wiedererkennt. Trotz der Verschiedenheit seiner Ausdrucks- und Vollzugsweisen in seiner liturgischen Feier wird der katholische Glaube als derselbe Glaube verstanden, der in der Heiligen Schrift enthalten ist, von den Aposteln weitergegeben wurde und heute in den Glaubensbekenntnissen bekannt wird.
