Mennonitisch-Katholischer Dialog:1630
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Das mennonitische Kirchenverständnis
84. In der täuferisch-mennonitischen Theologie wird die Kirche verstanden als die Gemeinschaft des Glaubens, ausgestattet mit dem Geist Gottes und geformt durch ihre Antwort auf die Gnade Gottes in Christus. Drei biblische Bilder von Gemeinde/bzw. Kirche sind grundle-gend für die mennonitische Betrachtungsweise. Zuerst ist die Kirche das neue Volk Gottes.(62) Während der Begriff des Volkes auf die Kontinuität der Kirche mit dem Volk des alttestamentlichen Glaubens hinweist (Gal 2,15-21), markiert Gottes Initiative in Jesus Christus einen Neubeginn. In Christus berief Gott “ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, einen heiligen Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde ... aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen” (1 Petr 2,9). Leben, Tod und Auferstehung Christi legten den Grund für die frohe Botschaft, dass Menschen aller Völker und sozialen Schichten und jeden Geschlechts durch Gottes Gnade eingeladen werden, zum Gottesvolk zu gehören (Gal 3,28). Die Bezeichnung der Kirche als Familie oder Haus des Glaubens (Gal 6,10; Eph 2,19) erweitert ihre Charakterisierung als Volk Gottes. Gastfreundschaft ist ein besonderes Kennzeichen des Hauses des Glaubens, da die Mitglieder des Hauses alle willkommen heißen, die sich der Familie anschließen, füreinander sorgen, und alle gemeinsam ihre geistlichen und materiellen Mittel mit denen teilen, die in Not sind (Jak 2,14-17).
85. Zweitens ist der Leib Christi ein wichtiges biblisches Bild für das täuferisch-mennonitische Verständnis der Kirche.(63) Der Hinweis auf Christus in dieser Vorstellung weist auf die Gründung (1 Kor 3,11) und das Haupt ( Kol 1.18) der Kirche hin. Die Glieder der Kirche werden als Leib in Christus eingegliedert. Hinter dem Bild vom Leib steht der hebräische Begriff der korporativen Persönlichkeit. Korporative Persönlichkeit bedeutet Bindung an Christus als Leib der Glaubenden (Röm 12,15; Eph 4,1-16), was wiederum die Bindung aneinander als Glieder der Kirche einschließt. Die Glieder des Leibes sind berufen, heilig zu sein, wie Christus heilig ist. “Die Gemeinde als der Leib Christi ist berufen, in ihrem Gottesdienst, in ihrem Zeugnis, in ihrer gegenseitigen Liebe und Fürsorge ihrem Amt, ihrem Zeugnis, und in der Ordnung ihres gemeinsamen Lebens Christus, ihrem Haupt,immer ähnlicher zu werden.”(64)
86. Ein drittes für Täufer/Mennoniten bedeutsames Bild der Kirche ist die Gemeinde des Heiligen Geistes.(65) Ein sie bestimmender Augenblick ereignete sich, als der auferstandene Chris-tus die Jünger “anhauchte und zu ihnen sprach: ‚Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie ver-weigert’” (Joh 20,22). Die Ausstattung der Jünger mit dem Heiligen Geist gab denen, die ihm nachfolgten, den Auftrag, eine vergebende Gemeinde zu werden. Ein weiterer Schritt in der Bildung der apostolischen Gemeinde fand statt, als nach der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten die ersten Bekehrten “an der Lehre der Apostel und an der kononia (Nachfolge, Gemeinschaft), am Brechen des Brotes und an den Gebeten festhielten” (Apg 2,42). Die Urkirche verstand sich selbst als die “neue messianische Gemeinde, deren Hauptmerkmal die erneuerte Gegenwart des Heiligen Geistes unter seinem Volk ist”.(66) Als solcher spielt der Heilige Geist eine entscheidende Rolle im Gedeihen des Leibes Christi: als derjenige, der den Gliedern des Leibes geistliche Gaben verleiht (1 Kor 12,4-11), und als derjenige, der die Einheit des Leibes schafft (1 Kor 12,12 ff.). Angesichts der vielen Facetten im Aufbau der Kirche ist es eine gewaltige Aufgabe für die Gemeinde, “die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens” (Eph 4,3). Der Geist verleiht die Kraft, wettzueifern im Bemühen um die Einheit der Kirche und festzuhalten an ihrer ethischen Mitte auf dem “erhabeneren Weg” (1 Kor 12,31; vgl. 1 Kor 13; 1 Petr 1,2) der Liebe.
87. Neben diesen drei Bildern, die sich an der trinitarischen Formel orientieren, wird das mennonitische Kirchenverständnis durch verschiedene Beschreibungen verdeutlicht. Die erste davon ist Gemeinschaft der Gläubigen. Die Täuferbewegung hat den Gedanken entwickelt, dass die Kirche aus allen besteht, die aus ihrem eigenen freien Willen an Christus glauben und dem Evangelium gehorchen. Sich Christus zu unterstellen, bedeutet, gegenseitig Verantwortung füreinander im Leben der Gemeinde zu übernehmen (1 Kor 12,25; Jak 2,14-17; 1 Joh 3,16). Dies schließt die Aufgabe ein, zurechtzuweisen und zu vergeben und auch einander zu führen und zu bestärken gemäß dem biblischen Auftrag, “zu binden und zu lösen” im Namen Christi (Mt 16,19; 18,15-22; Joh 20,19-23).(67) Ferner erfordert der mennonitische Kirchenbegriff die Trennung von Kirche und Staat, und das wird deutlich so verstanden, dass ein Christ zuerst Christus treu zu sein hat. So hat z.B. bezüglich des Kriegsdienstes die Treue zu Christus als dem Herrn Vorrang von den Ansprüchen des Staates. Bedeutsam für den Ursprungsimpuls der Täuferbewegung war die Idee des “Bundesvolkes”, das, aus allen Völkern berufen, eine versöhnende Gemeinde nach innen(68) und auch “Salz und Licht” in der Welt sein sollte (Mt 5,13-16). Mennoniten beschreiben sich selbst als “in der Welt, aber nicht von der Welt” (Joh 17,15-17).
88. Mennoniten verstehen die Kirche als Gemeinschaft in der Nachfolge. Wie es bei den Gläubigen im Neuen Testament der Fall war, macht die Annahme der Erlösung, die in der Taufe und im Anschluß an die Anhänger “des Weges” (Apg. 9,2) sichtbar wird, ihre entschiedene Absicht kund, im Weg Jesu von Nazareth unterwiesen zu werden und danach zu streben, dem Meister nachzufolgen, wie es seine ersten Jünger getan haben. Nachfolge ist wesentlich für das täuferisch-mennonitische Verständnis des Glaubens, wie ein Zitat des Täufers Hans Denck (1526) veranschaulicht: “Das Mittel ist Christus, den keiner wahrhaft kennen kann, es sei denn, dass er ihm nachfolge mit dem Leben; und niemand kann ihm nachfolgen, es sei denn, dass er ihn zuvor erkennt.”.(69) Mennonitische Historiker und Theologen haben erkannt, dass Nachfolge eines der bedeutsamsten Vermächtnisse der Täuferbewegung für die von den Mennoniten beibehaltene Sicht der Kirche und der Berufung ihrer Glieder ist. Ein neueres Glaubensbekenntnis erklärt: “Die Kirche ist die neue Gemeinschaft von Jüngern, die in die Welt gesandt werden, um das Reich Gottes zu verkünden und um einen Vorgeschmack von dem zu geben, was die herrliche Hoffnung der Kirche ist.”.(70)
89. Mennoniten verstehen die Kirche als ein gesandtes Volk. Die Täufer nahmen den Auftrag Christi “ihr sollt meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde” (Apg 1,8) ernst.(71) Während im 17. und 18. Jahrhundert eine Epoche folgte, die auf Selbsterhaltung ausgerichtet war, brachte das spätere 19. Jahrhundert eine Erneuerung des Sendungsbewusstseins. Heute versteht die Kirche ihr wahres Sein als missionarisch. Das heißt: Die Berufung, das Evangelium zu verkünden und ein Zeichen des Reich Gottes zu sein, ist für die Kirche charakteristisch und gilt für alle ihre Glieder. Missionstätigkeit wird in einer friedlichen Weise und ohne Zwang ausgeübt und schließt die Ämter der Evangelisierung, des sozialen Dienstes und das Eintreten für Friede und Gerechtigkeit unter allen Völkern ein.
90. Die mennonitische Kirche ist eine Friedenskirche. Friede gehört wesentlich zur Bedeutung und zur Botschaft des Evangeliums und folglich zum Selbstverständnis der Kirche. Die Kirche unterstellt sich dem Friedensfürst, der auf den Weg des Friedens, der Gerechtigkeit und der Wehrlosigkeit ruft und der den Weg der Gewaltfreiheit und Versöhnung unter allen Völkern und mit der gesamten Schöpfung Gottes durch sein Beispiel vorlebte. Die Friedenskirche befürwortet den Weg des Friedens für alle christlichen Kirchen. Ein bedeutsames Korrelat der Identität der Kirche als Friedenskirche ist der Anspruch, eine “freie” Kirche zu sein. Mennoniten glauben, dass Freiheit eine wesentliche Gabe des Geistes an die Kirche ist (2 Kor 3,17). Gliedschaft in der Gemeinde bringt einen freien Willensakt mit sich, durch den ein Mensch sich frei und ungezwungen zum Glauben verpflichtet. Die Trennung von Kirche und Staat ist zusammen mit der Ablehnung von Gewaltanwendung gegen Feinde eine Folge der Gewissensfreiheit und der befreienden Kraft des Evangeliums.
91. Mennoniten verstehen die Kirche als eine dienende Gemeinde. Jesus kam, um zu dienen, und er lehrte seine Jünger den Weg des Dienens (Mk 10,43-45). In der täuferisch-mennonitischen Theologie wird die Bergpredigt (Mt 5-7) als das Programm sittlichen Tuns für alle, die Christus als ihren Retter und Herrn bekennen, ernst genommen. Der Geist stattet die Gläubigen mit einer Vielfalt von Gaben aus, um den Leib Christi aufzubauen und seine Botschaft in der Welt zu verbreiten (1 Kor 12). In der Kirche werden einige, sowohl Männer als auch Frauen, berufen, in Leitungsämtern Dienst zu tun. Diese können Ämter umfassen wie die der Pastoren, Diakone und Ältesten und auch der Evangelisten, Missionare, Lehrer und Vorstände. Die Formen der Leitung sind von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden, wie es schon in der Kirche zur Zeit der Apostel war (Apg. 6,1-6; Eph 4,11; 1 Tim 3,1-13). Das “Priestertum aller Gläubigen” wird als Ermutigung aller Gläubigen verstanden, als “Priester” ein heiliges Leben zu führen und Gott die Ehre zu geben durch gegenseitiges Dienen in der Kirche und in einer notleidenden Welt.
92. Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Heiligen. Im täuferisch-mennonitischen Denken umfasst der Hinweis auf die “Heiligen” alle, die an Jesus Christus glauben und bestrebt sind, ihm in einem Leben der Heiligkeit zu folgen. Die Kirche hat in ihrem besonderen Rahmen teil an der Berufung zur Heiligkeit “mit allen, die den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, überall anrufen, bei ihnen und bei uns” (1 Kor 1,2; vgl. auch Röm 15,26; 1 Kor 14,33; Hebr 14,24; Offb 22,21). Die Gemeinschaft der Heiligen umfasst die “Wolke der Zeugen” (Hebr 12,1) der Vergangenheit, die in Treue bis ans Ende ausharrten. Heiligkeit beruht nicht auf sittlichem Verdienst, sondern wird denen verliehen, die bis ans Ende ausharrten “und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender unseres Glaubens” (Hebr 12,2). Die Täufer beriefen sich schon im Anfangsstadium der Bewegung auf die Vorstellung von der Kirche als einer Gefolgschaft der Heiligen von “katholischer” oder “universaler” Art. Der täuferische Theologe Bal-thasar Hubmaier machte das in dem “Christlichen Katechismus” von 1526 deutlich, wo er schrieb, dass
“ein Mensch durch die Taufe zur Vergebung der Sünden unter offenem Bekennen sei-nes Glaubens seinen ersten Eintritt und den Anfang in der heiligen, katholischen, christlichen Kirche (außerhalb deren es kein Heil gibt) ... macht und zu dieser Zeit zugelassen und aufgenommen wird in die Gemeinde der Heiligen”.(72)
Viel später, im 20. Jahrhundert, finden wir einen ähnlichen Standpunkt, z.B. in dem Bekennt-nis der Mennonitischen Brüder von 1902, das erklärt:
“Obwohl die Glieder [der Kirche Jesu Christi] allen Nationen und sozialen Schichten angehören, die hier und dort auf der Welt zerstreut und in Denominationen geteilt sind, sind sie alle doch eins und untereinander Brüder und Glieder und existieren als der eine Leib in Christus, ihrem Haupt, welcher der Herr, das Oberhaupt, der Hirte, der Prophet, der Priester und der König der Kirche ist”.(73)
