Mennonitisch-Katholischer Dialog:1710
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Das katholische Sakramentsverständnis
112. Sakrament ist ein wichtiger Begriff für Katholiken. Dieser Begriff ist während der langen Geschichte des Lebens der Kirche in vielfältiger Weise wiedergegeben worden, vor allem mit den beiden Wörtern mysterion und sacramentum. Mysterion und sacramentum verweisen auf die geheimnisvolle Weise, in der Gott die Elemente seiner Schöpfung zu seiner Selbstmitteilung verwendet hat. Die Schrift, besonders das Neue Testament, zeigt, dass für den Christen der grundlegende Ort der Gottbegegnung Christus ist. Nach traditionellem katholischem Verständnis muß Gottes Beziehung zu uns nicht nur in individueller, sondern auch in gemeinschaftlicher oder korporativer Weise verstanden werden. Das ist grundsätzlich eine Möglichkeit, das paulinische Verständnis zum Ausdruck zu bringen, dass in Adam alle gefallen und in Christus alle zu neuem Leben erstanden (gerettet, gerechtfertigt) sind (vgl. Röm 5,19; 2 Kor 5,14 f.; Apg 17,26 ff.). In Verbindung mit dem Begriff der korporativen Persönlichkeit begründet dies die ekklesiale Dimension der Mysterien/Sakramente, in der Sakramente als der symbolische Ausdruck der eschatologischen Verkörperung Gottes durch den Geist erscheinen, zuerst in Christus (dem “Ursakrament”) und dann in der Kirche (dem “Grundsakrament” Christi). Diese Dimension ist für das katholische Verständnis der Sakramente von Bedeutung, weil die Kirche als der Leib Christi das Grundsakrament der Verheißung und der Herbeiführung der Reich Gottes ist.(101) Wie Christus das Sakrament der Begegnung mit Gott ist, so ist die Kirche das Sakrament der Begegnung mit Christus und damit letztlich mit Gott.
113. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von den Sakramenten als einer Wirklichkeit, die in besonderer Weise gelebt werden soll, da das Leben der Christen mit dem Paschamysterium verbunden ist:
“Die Wirkung der Liturgie der Sakramente ... ist also diese: Wenn die Gläubigen recht bereitet sind, wird ihnen nahezu jedes Ereignis ihres Lebens geheiligt durch die göttliche Gnade, die ausströmt aus dem Paschamysterium des Leidens, des Todes und der Auferstehung Christi, aus dem alle Sakramente ... ihre Kraft ableiten. Auch bewirken sie, dass es kaum einen rechten Gebrauch der materiellen Dinge gibt, der nicht auf das Ziel ausgerichtet werden kann, den Menschen zu heiligen und Gott zu loben”.(102)
Das gesamte sakramentale System in der katholischen Kirche entfaltet sich aus dem Verständnis der zentralen Stellung des Paschamysteriums. Das Paschamysterium ist der Ort, an dem Gott die Erlösung in symbolischen Taten und Worten offenbart und mitteilt. Umgekehrt verehrt die Kirche Gott durch Christus, ermächtigt durch den Heiligen Geist, durch die aktive Teilnahme der Gläubigen an Wort und symbolischer Handlung. Sakramente sind, wie das Konzil lehrt, “Sakramente des Glaubens”.(103) Sie sind das in vierfacher Weise: Sakramente setzen den Glauben voraus, nähren den Glauben, stärken den Glauben und bringen den Glauben zum Ausdruck.
114. Das Zweite Vatikanische Konzil bietet vier Gesichtspunkte an, die für das Verständnis der Sakramente von Bedeutung sind: 1) Sakramente sind liturgische Handlungen. Als solche haben sie ihren Platz in der Liturgie des Wortes(104) und im Handeln des Geistes.(105) 2) Sakra-mente stehen in Verbindung mit Gott, d.h. dass sie der Ort göttlichen Handelns sind. 3) Sie stehen in Verbindung mit der Kirche, weil die Sakramente in der Kirche gefeiert werden dank der priesterlichen Wirklichkeit des ganzen Leibes(106) und weil die Kirche durch sie aufgebaut wird. Die Sakramente sind für das Wesen der Kirche konstitutiv und werden als institutionelle Elemente betrachtet, die den Leib Christi aufbauen.(107) 4) Schließlich stehen die Sakramente in Verbindung mit dem gesamten christlichen Leben, weil eine enge Verbindung zwischen der Feier der Sakramente und der Ethik eines christlichen Lebens besteht. Daher wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem verkündigten Wort Gottes, dem gefeierten Wort Gottes und dem gelebten Wort Gottes, das alle Christen in ihrem täglichen Leben in Anspruch nimmt.
115. Die Taufe ist für Katholiken vor allem das Sakrament desjenigen Glaubens, mit dem wir, erleuchtet durch die Gnade des Heiligen Geistes, dem Evangelium Christi antworten. Durch die Taufe wird ein Mensch in die Kirche eingegliedert und wird im Geist zu einer Wohnung aufgebaut, in der Gott lebt. Die Taufe ist die Reinigung mit Wasser durch die Macht des lebendigen Wortes, das jeden Makel der Sünde abwäscht und uns an Gottes eigenem Leben teilhaben lässt. Diejenigen, die getauft werden, werden mit Christus in einem Leben vereint, das seinem Leben ähnlich ist (Kol 2,12; vgl. Röm 6,4 f.). Die katholische Lehre bezüglich der Taufe kann in sechs Punkten dargelegt werden: 1) Die Taufe ist der Beginn des christlichen Lebens und das Tor zu den anderen Sakramenten; 2) sie ist die Grundlage des gesamten christlichen Lebens; 3) die grundsätzlichen Wirkungen der Taufe sind Reinigung und Neugeburt; 4) durch die Taufe werden wir Glieder Christi, werden in seine Kirche eingegliedert und werden zu Teilhabern an ihrer Sendung; 5) die Firmung, welche die Taufe vollendet, vertieft den Taufcharakter und stärkt uns für den Dienst; und schließlich 6) sind die Gefirmten als treue Zeugen Christi strenger verpflichtet, den Glauben durch Wort und Tat zu verbreiten und zu verteidigen. Das “Ökumenismusdekret” des Zweiten Vatikanischen Konzils fügt außerdem hinzu: “Die Taufe begründet also ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind”.(108)
116. In den Kirchen sowohl des Ostens als auch des Westens wird die Kindertaufe als ein uralter Brauch betrachtet.(109) Das älteste bekannte Rituale, das zu Beginn des 3. Jahrhunderts die Apostolische Tradition beschreibt, enthält folgende Regel: “Zuerst taufe die Kinder. Diejenigen von ihnen, die für sich selbst sprechen können, sollen es tun. Die Eltern oder ein anderer aus ihrer Familie sollen für die anderen sprechen”.(110) Die katholische Kirche tauft Erwachsene, Säuglinge und Kinder. In jedem dieser Fälle ist der Glaube ein bedeutendes Element. Im Zusammenhang mit Erwachsenen und Kindern bekennen die einzelnen selbst ihren Glauben. Im Zusammenhang mit Säuglingen hat die Kirche das immer so verstanden, dass einer, der getauft wird, in den Glauben der Kirche hinein getauft wird. Die Kirche umschließt mit ihrem Glauben ein Kind, das jetzt nicht persönlich den Glauben bekennen kann. Grundla-ge dieser Überlegung ist die doppelte Solidarität, die sich in den paulinischen Schriften findet, nämlich die Solidarität in Adam und die Solidarität in Christus (Röm 5). In der Einleitung zum Taufritus für Kinder heißt es:
“Wenn der volle Sinn des Sakramentes erreicht werden soll, müssen die Kinder später in dem Glauben unterwiesen werden, auf den sie getauft worden sind: Fundament aller Einführung in den Glauben ist das bereits empfangene Sakrament. Die christliche Unterweisung, auf die die Kinder ein Recht haben, hat ja nur den einen Sinn, dass sie mit der Zeit das Geheimnis Christi erfassen lernen, um sich den Glauben, auf den sie getauft wurden, zu eigen zu machen.”(111)
117. Die Eucharistie ist nicht einfach eines der Sakramente, sondern das herausragende Sakrament. Das Zweite Vatikanische Konzil erklärt, dass die Eucharistie die Quelle und der Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens ist.(112) Durch das Wirken des Heiligen Geistes wird das Sühnopfer Christi allumfassend und vereint alles, was im Himmel und auf Erden ist, unter dem einen Haupt, Jesus Christus (Eph 1,10). Die sakramentale Grundlage dieser koinonia oder Gemeinschaft ist die eine Taufe, durch die wir in den einen Leib Christi getauft werden (1 Kor 12,12 f.; vgl. Röm 12,4 f.; Eph 4,3 f.). Durch die Taufe sind wir eins in Christus (Gal 3,26-28). Der Höhepunkt dieser Gemeinschaft findet sich in der Eucharistie, in welcher die vielen eins werden durch die Teilhabe an dem einen Brot und dem einen Kelch (1 Kor 10,16 F.). Darum ist die koinonia/Gemeinschaft in dem einen eucharistischen Brot die Quelle und das Zeichen der koinonia/Gemeinschaft in dem einen Leib der Kirche. In der Eucharistie werden wir mit der himmlischen Liturgie vereint und nehmen das ewige Leben vorweg, wenn Gott alles in allem sein wird. Die Eucharistie, in der Christus real und substanzhaft gegenwärtig ist, vergegenwärtigt das Opfer Christi, das ein für allemal am Kreuz vollbracht wurde. Sie ist ein Gedächtnis seines Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung.(113) Was die Eucharistie für Katholiken bedeutet, wird in einer Fülle von Begriffen zum Ausdruck gebracht. Nimmt man diese zusammen, erhält man ein tieferes Verständnis von der Bedeutung der Eucharistie. Die Eucharistie wird z.B. als ein Mahl verstanden, das die Einheit der Gemeinde verwirklicht und sichtbar macht. Darüber hinaus wird dieses Mahl in Beziehung zu dem unwiederholbaren Tod Christi am Kreuz verstanden. Im eucharistischen Opfer wird das ganze der von Gott geliebten Schöpfung durch Tod und Auferstehung Christi vor den Vater gebracht. Durch Christus kann die Kirche das Lobopfer darbringen und für alles danken, was Gott in der Schöpfung und im Menschen gut, schön und recht gemacht hat.(114)
118. Selbst wenn die Feier der Eucharistie aus mehreren Teilen besteht, wird sie als eine einzige gottesdienstliche Handlung verstanden. Der eucharistische Tisch ist der Tisch sowohl des Wortes Gottes als auch des Leibes des Herrn. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrte, dass Christus auf verschiedene Weise in der Feier der Eucharistie gegenwärtig ist: erstens in der Gegenwart des Amtsträgers, der die Kirche im Namen des Herrn versammelt und sie in seinem Geist begrüßt; zweitens in der Verkündigung des Wortes; drittens in der in Gottes Namen versammelten Gemeinde und viertens in einer besonderen Weise unter den eucharistischen Elementen.(115) Die Gläubigen sind eingeladen, aktiv an der Feier der Liturgie teilzunehmen durch Lieder, Gebete und besonders durch den Empfang des eucharistischen Leibes und Blutes des auferstandenen Herrn. Die Gläubigen kommunizieren am Tisch des Herrn, indem sie das eucharistische Brot und den Kelch empfangen.
119. Schließlich können wir sagen, dass die Kirche eine Verbindung herstellt zwischen dem, was gefeiert wird, mit dem, was gelebt wird. Daher müssen wir, wie der heilige Augustinus lehrte, immer mehr das werden, was wir empfangen, nämlich der Leib Christi. Das bedeutet, dass wir, wie Paulus im 1. Korintherbreif lehrte, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit leben müssen, die wir sind (1 Kor 11,17 ff.); daher stammt die Verbindung zwischen der Eucharistie und der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Versöhnung. Katholiken sind aufgrund dieser eucharistischen Wirklichkeit verpflichtet, ein lebendiges Zeichen des Friedens Christi und der Versöhnung für die Welt zu werden.
