Mennonitisch-Katholischer Dialog:1810
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Katholische Gesichtspunkte zum Frieden
147. Die soziale Vision der Kirche. Die grundlegende Weise, in der die Kirche zur Versöhnung der Menschenfamilie beiträgt, ist die der Kirche eigene Universalität.(132) Weil die Kirche sich als “Sakrament für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit”(133) begreift, versteht sie die Förderung der Einheit und entsprechend des Friedens “als zum innersten Wesen der Kirche gehörend”.(134) Aus diesem Grund fördert sie die Solidarität unter den Menschen und ruft alle Völker und Nationen auf, die Vorteile von Macht und Reichtum um der Solidarität mit der Menschenfamilie willen aufzugeben.(135) Die Eucharistie, welche die Bande der Liebe festigt, fördert solche Solidarität. Umgekehrt ist die Eucharistie ein Ausdruck der Liebe, welche die Glieder der Gemeinschaft in Christus verbindet (1 Kor 11,17-34).(136)
148. Die Kirche versteht die Berufung der Menschen als wesentlich auf Gemeinschaft bezogen, d.h. alle menschlichen Beziehungen sind auf Einheit und Liebe hingeordnet, eine Ordnung der Liebe, die gestärkt wird durch Leben und Lehre Jesu und das geisterfüllte Leben der Kirche (vgl. Lk 22,14-27; Joh 13,1-20; 15,1-17; 17,20-24).(137) Diese Ordnung der Liebe wird im Leben der Gläubigen und in der Gemeinschaft der Kirche sichtbar, aber sie ist nicht auf sie beschränkt. Tatsächlich findet sie sich kraft der Schöpfung und der Erlösung auf allen Ebenen der menschlichen Gesellschaft.
149. Gott hat die Menschenfamilie für die Einheit erschaffen und in Christus das Gesetz der Liebe bestätigt (Apg 17,26; Röm 10,13). Entsprechend betrachtet die Kirche die Zunahme der gegenseitigen Abhängigkeit in der Welt, obwohl sie aufgrund der Sünde nicht ohne Probleme ist, als eine Kraft, die zum Frieden beitragen kann.(138) So hat Papst Johannes Paul II. geschrieben: “Das von allen so sehr ersehnte Ziel des Friedens wird gewiß mit der Verwirklichung der sozialen und internationalen Gerechtigkeit erreicht werden, aber auch mit der Übung jener Tugenden, die das Zusammenleben fördern und das Leben in Einheit lehren”.(139)
150. Die Berufung zur Heiligkeit. Die Berufung durch Gott zur Heiligkeit ist allen Christen gemeinsam (1 Thess 4,3; Eph 1,4).(140) Das ist eine Heiligkeit “von allen entfaltet, die sich vom Geist Gottes leiten lassen und, der Stimme des Vaters gehorsam, ... dem armen, demütigen, das Kreuz tragenden Christus folgen”.(141) Als Gottes Eigentumsvolk, das in der Einführung des Königtums lebt, müssen wir “Friedensstifter” sein, die “hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit” (Mt 5,6) und “um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden” (Mt 5,10). Wir müssen einander lieben, einander vergeben und demütig leben in der Nachahmung Christi, der zwar “Gott gleich war ..., sich aber erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz” (vgl. Phil 2,6; 8). Wir müssen großmütig sein und jedem vergeben, wie Gott uns gegenüber großmütig ist (Lk 6,37f.). Mit einem Wort: Als Jünger Jesu werden wir belehrt: “Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist” (Mt 5,48).
151. Alle Gebote sind, wie der heilige Paulus lehrt, in dem einen Satz zusammengefaßt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” (Röm 15,9; vgl. Jak 2,8; 1 Joh 4,11 f.). Für Katholiken nimmt die Nächstenliebe besondere Form an in der Liebe zu und dem Dienst an den Armen und an den Rand Gedrängten; in der Tat in “einer bevorzugten Option für die Armen”. Der Dienst der Nächstenliebe wird gefördert durch persönliche und gemeinschaftliche Werke der Barmherzigkeit sowohl in organisierter Wohltätigkeit als auch im Eintreten für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Frieden. Laien, Bischöfe und kirchliche Werke betätigen sich in solchen Initiativen.(142) Das Liebesgebot umfaßt ebenso die Achtung vor und die Liebe zu den Feinden (Mt 5,43; 1 Joh 3,16).(143) Wie unser himmlischer Vater, der “seine Sonne aufgehen läßt über Bösen und Guten und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte” (Mt 5,45), müssen wir unsere Feinde lieben, sie segnen, für sie beten, keine Vergeltung üben und unseren Besitz mit denen teilen, die uns etwas davon nehmen wollen (Lk 6,27-35). Überdies müssen wir bereit sein, mit ihnen gerechte Beziehungen aufzunehmen, denn wahrer Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit und “weil Gerechtigkeit immer unsicher und unvollkommen ist, muß sie Vergebung einschließen und gewissermaßen durch Vergebung ergänzt werden, welche gestörte menschliche Beziehungen von Grund auf heilt und wiederherstellt”.(144) Schließlich gibt uns der Herr mitten im Streit seinen Frieden, damit wir in der Verfolgung Mut haben können (Joh 16,33; 20,21).
152. Gewaltlosigkeit ist in katholischen Augen sowohl eine christliche als auch eine menschliche Tugend. Für Christen erhält Gewaltlosigkeit eine spezielle Bedeutung im Opfer Christi, der “wie ein Schaf zum Schlachten geführt wurde” (Is 52,7; Apg 8,32). “Ergänzend, was an den Leiden Christi noch fehlt” (Kol 1,24), trägt das gewaltlose Zeugnis der Christen in einer Weise zum Aufbau des Frieden bei, die der Gewalt nicht gelingt; es weiß um den Unterschied “zwischen der Feigheit, die dem Bösen weicht, und der Gewalt, die sich zwar einbildet, das Böse zu bekämpfen, es aber in Wahrheit verschlimmert”.(145) Nach katholischer Auffassung sollte Gewaltlosigkeit sowohl in der staatlichen Politik und durch staatliche Institutionen als auch im persönlichen und kirchlichen Handeln verwirklicht werden.(146) In ihrer pastoralen Praxis und durch die Diplomatie des Vatikans besteht die Kirche angesichts eines Konflikts darauf, dass “Friede möglich ist”.(147) Die Kirche versucht auch, in der bürgerlichen Gesellschaft eine Kultur des Friedens zu fördern und ermutigt die staatlichen Instanzen im öffentlichen Leben Gewaltlosigkeit zu üben.(148)
153. Frieden stiften. Auf pastoraler Ebene ist die katholische Friedenstheologie positiv ausgerichtet. Sie konzentriert sich darauf, die Ursachen eines Konflikts zu beseitigen und die Bedingungen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Sie enthält vier grundlegende Komponenten: (1) Förderung und Schutz der Menschenrechte; (2) Förderung einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung; (3) Unterstützung des internationalen Rechts und der internatio-nalen Organisationen und (4) Schaffung von Solidarität unter den Völkern und Nationen.(149) Diese Friedensvision wird in dem gesamten Werk der zeitgenössischen katholischen Sozial-lehre entfaltet, beginnend vor 40 Jahren mit Pacem in terris (“Friede auf Erden”) von Papst Johannes XXIII. und fortgeführt im Jahre 2000 durch Tertio millennio ineunte (“Das dritte Jahrtausend”) von Papst Johannes Paul II.(150)
154. Die katholische Kirche übt ihre Friedensarbeit in vielfältiger Weise aus. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist sie in großem Umfang durch ein Netzwerk von nationalen und diözesanen Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden und durch den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden geleistet worden. Ihre Arbeit ist besonders im Kampf um die Menschenrechte in Asien, Lateinamerika und einigen Teilen Afrikas von Einfluß gewesen. Katholische Büros für die Menschenrechte wie das Vikariat für Solidarität in Chile, Tutela Legal in El Salvador, Bartolomeo Casas in Mexiko, das Erzbischöfliche Büro in Guatemala Stadt und die Gesellschaft des Heiligen Ivo in Jerusalem sind Modelle für die aktive Verteidigung der Rechte der Armen, der Ureinwohner und der unter Besatzung Stehenden gewesen. Katholische Hilfs- und Entwicklungsdienste, besonders Caritas Internationalis und das Caritas-Netzwerk, sorgen für Unterstützung, Entwicklung, Flüchtlingshilfe und nach Konflikten in entzweiten Gesellschaften für den Wiederaufbau. An vielen Orten haben auch einzelne Bischöfe eine bedeutende Rolle in den Bemühungen um nationalen Ausgleich gespielt. Einer von ihnen, Bischof Filipe Ximenes Belo von Timor, erhielt den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen.
155. Der Heilige Stuhl(151) übt durch das Vatikanische Diplomatische Corps und andere spezielle Vertreter “eine Diplomatie des Gewissens” aus. Diese diplomatische Tätigkeit besteht darin, für Frieden, Menschenrechte, Entwicklung und humanitäre Angelegenheiten einzutreten. Sie trägt auch indirekt zur internationalen Friedensstiftung bei durch Initiativen katholischer Gruppen wie der Gemeinschaft des heiligen Ägidius und verschiedener Bischofskonferenzen. Vor allem leistet der Papst einen einzigartigen Dienst für den Frieden durch seine Lehre und seine öffentlichen Ansprachen, bei seinen Treffen mit hochrangigen Persönlichkeiten, durch seine Pilgerreisen in alle Welt und durch besondere Veranstaltungen wie das Frie-densgebet in Assisi und das Heilige Jahr 2000.
156. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sucht die Kirche, den Krieg “mit einer ganz neuen Einstellung zu prüfen”.(152) In seiner Enzyklika Evangelium vitae (“Das Leben des E-vangeliums”) bezeichnet Papst Johannes Paul II. den Krieg als Teil der Kultur des Todes, und er erkannte ein positives Zeichen der Zeit in “einer neuen Sensibilität, die immer mehr gegen den Krieg als Instrument zur Lösung von Konflikten zwischen den Völkern gerichtet ist und zunehmend nach wirksamen, aber ‚gewaltlosen‘ Mitteln sucht, um den bewaffneten Aggressor zu blockieren”.(153)
157. Die katholische Tradition tritt heute sowohl für strenge Auflagen bei der Anwendung von Gewalt ein als auch für eine Verpflichtung, der Verweigerung von Rechten und anderen schweren öffentlichen Übeln durch aktive Gewaltlosigkeit zu widerstehen, wenn es überhaupt möglich ist (vgl. Röm 12,14-21; 1 Thess 5,14f.). Alle Katholiken sind normalerweise verpflichtet, schweren öffentlichen Übeln aktiv zu widerstehen.(154) Die katholische Lehre hat in zunehmendem Maße die Überlegenheit gewaltloser Mittel anerkannt und Zweifel an der Anwendung von Gewalt in einer Kultur des Todes gehegt.(156) Dennoch hält die katholische Tradition auch weiterhin an der Möglichkeit eines begrenzten Einsatzes von Gewalt als letztem Ausweg (der Gerechte Krieg) fest, besonders wenn ganze Bevölkerungsgruppen in Gefahr sind, wie es in Fällen von Völkermord oder ethnischer Säuberung geschieht. So haben in den Tagen vor dem Krieg der USA gegen den Irak (2003) sowohl Papst Johannes Paul II. als auch vatikanische Mitarbeiter und Bischofskonferenzen überall auf der Welt die internationale Gemeinschaft gedrängt, gewaltlose Alternativen zur Anwendung von Gewalt zu verwenden. Zur gleichen Zeit haben sie die Kriterien für einen Gerechten Krieg verwendet, um Krieg zu verhindern und die Begrenzung von Gewalt zu fördern und sowohl den möglichen als auch den tatsächlichen Gebrauch von Gewalt durch Regierungen zu kritisieren.
158. Überlegungen zum Gerechten Krieg sind jedoch keine einfache Erwägung. Nach dem Begriff des “gerechten Grundes” hängt die gültige Anwendung der Kriterien für einen Gerechten Krieg davon ab, dass man einen tugendhaften Charakter hat. Tugenden wie Mäßigung, Zurückhaltung und Achtung vor dem Leben sind ebenso wesentlich für eine gesunde Anwendung der Kriterien für einen Gerechten Krieg wie z.B. die christlichen Tugenden Demut, Sanftmut, Vergebungsbereitschaft und Feindesliebe. Demgemäß sind die Lehre der Kirche und die Anwendung der Kriterien für einen Gerechten Krieg in den letzten Jahren immer restriktiver geworden; man besteht darauf, dass die Tradition über den gerechten Krieg die Aufgabe hat, Krieg zu verhindern und zu begrenzen, nicht aber, ihn zu rechtfertigen.(157)
159. Der Gerechte Krieg sollte heute als Teil einer umfassenden katholischen Friedenstheolo-gie verstanden werden, der allein auf Ausnahmefälle angewendet werden darf. Krieg ist, wie Papst Johannes Paul II. gesagt hat, “nie nur ein anderes Mittel, das gebraucht werden kann, um Streitigkeiten zwischen Nationen zu lösen”.(158) Die bei Beendigung des Golfkrieges 1991 durch den Papst gegebene Gesamteinschätzung des Übels des Krieges ist heute weiterhin gültig:
“Nein, nie wieder ein Krieg, der das Leben der Unschuldigen vernichtet; der töten lehrt und das Leben derer, die töten, gleichfalls zerstört; der eine Dauerspur von Zorn und Haß zurückläßt und die gerechte Lösung jener Probleme, die ihn ausgelöst haben, erschwert”.(159)
160. Religionsfreiheit. Jesus verkündete die Zeit, “zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden (Joh 4,2)”. Sanft und demütig von Herzen “lehnte Jesus es ab, ein politischer Messias zu sein, der äußere Machtmittel anwendet. Statt dessen zog er es vor, sich den Menschensohn zu nennen, der gekommen ist, um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen”.(160) Heute lehnt die katholische Kirche die Anwendung von Gewalt im Namen des Evangeliums ab und vertritt die Gewissensfreiheit in Sachen der Religion. In Übereinstimmung mit der “Erklärung über die Religionsfreiheit” (Dignitatis humanae) bejahen Katholiken Religionsfreiheit für alle und weisen die Anwendung von Gewalt zur Verbreitung des Evangeliums zurück.(161) Die katholische Kirche bereut auch die Vergehen, die “im Namen der Wahrheit” in vergangenen Jahrhunderten durch den Gebrauch des weltlichen Armes von Seiten ihrer Repräsentanten zur Unterdrückung religiöser Dissidenten begangen worden sind, und sie bittet Gott um Vergebungen für diese Verletzungen.(162)
161. Geschichte, Eschatologie und menschliche Errungenschaften. Katholiken glauben, dass jede Art von menschlichen Errungenschaften, besonders die Errungenschaften einer politischen Gesellschaft, die zu einem größeren Maß an Gerechtigkeit und Frieden in der Welt beitragen, die Menschheit vorbereiten, “an der Fülle teilzunehmen, die ‘im Herrn wohnt‘”.(163)
“Die Güter menschlicher Würde, brüderlicher Gemeinschaft und Freiheit müssen im Geist des Herrn und gemäß seinem Gebot auf Erden gemehrt werden; dann werden wir sie wieder finden, gereinigt von jedem Makel, lichtvoll und verklärt, dann nämlich, wenn Christus dem Vater ein ewiges, allumfassendes Reich übergeben wird: das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens”.(164)
Zur gleichen Zeit wird die Sünde, die uns immer zu Fall zu bringen versucht und die unsere menschlichen Errungenschaften gefährdet, besiegt und wieder gutgemacht durch die Versöhnung, die von Christus vollbracht worden ist (vgl. Kol 1,20).(165)
