Mennonitisch-Katholischer Dialog:1820

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Mennonitisch-Katholischer Dialog


Mennonitische Gesichtspunkte zum Frieden


162. Die christologische Grundlage unserer Verpflichtung zum Frieden. Für die mennonitische Kirche hat der Friede seine Grundlage in der Liebe Gottes, wie sie in der Schöpfung, in Gottes Geschichte mit seinem Volk und im Leben und in der Botschaft Jesu Christi offenbar wurde. Das biblische Wort Schalom drückt Gut-Sein, Ganz-Sein und die Harmonie und die Richtigkeit von Beziehungen aus. Gerechtigkeit ist die untrennbare Begleiterin des Friedens, wie die Propheten bezeugen: “Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer” (Jes 32,17).

163. Gottes friedfertiges Reich ist endgültig in Jesus Christus offenbar geworden, denn “er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder” (Eph 2,14). In Christus erkennen wir, dass Gottes Liebe radikal ist und selbst den Feind liebt. Die Auferstehung Jesu Christi ist das endgültige Zeichen des Sieges des Weges Jesu. Erlösung wie Ethik beruhen auf und sind durchdrungen von dem Weg Jesu.

164. Was ist eine Friedenskirche? Eine Friedenskirche ist eine Kirche, die berufen ist, für das Evangelium vom Frieden, das in Jesus Christus seinen Grund hat, Zeugnis abzulegen. Die Friedenskirche stellt diese Überzeugung in die Mitte ihres Glaubens und Lebens, ihrer Lehre, ihres Gottesdienstes, ihres Amtes und ihres Tuns; sie nennt Jesus ihren Herrn und folgt ihm auf seinem Weg der Wehrlosigkeit und Gewaltfreiheit. Eine Friedenskirche ist nichts anderes als die Kirche, der Leib Christi. Jede Kirche ist berufen, eine Friedenskirche zu sein.(166)

165. Die ersten Schweizer Täufer, Vorläufer der Mennoniten, sahen es als notwendig an, dass die Kirche sich aus ihrer Verbindung mit dem Staat löste. Allein auf diese Weise konnten sie dem gewaltlosen Jesus folgen und ihr Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn in Übereinstimmung mit den ersten Christen der apostolischen Zeit aufrechterhalten. Ihre Haltung der Wehrlosigkeit und ihre Ablehnung des Krieges aus Gewissensgründen war eine Glaubensentscheidung (Mt 5,38-41). In diesem Denkrahmen hatten Überlegungen zum “Gerechten Krieg” keinen Platz, und die Kirche mußte sich vom Staat distanzieren. Aus diesem Grund verabschiedet sich eine Friedenskirche vom Konstantinismus, der Verbindung von Kirche und Staat. Mehr noch, die Kirche widersteht der Gefangenschaft der Kirche in Bezug auf ihr theologisches Denken.(167) Mennoniten sind oft der Ansicht, die traditionelle Christologie sei durch den “Konstantinismus” verwässert worden; das habe zur Folge gehabt, dass der normative Charakter der Lehre Jesu in der Ethik und in der Ekklesiologie zu oft gering geschätzt worden sei. Ferner sei die Theologie zu eng mit staatlichen Strukturen verbunden gewesen und habe oft die Sozialethik aus der Perspektive von oben nach unten formuliert und zur Bestimmung des Möglichen eher die politischen Führer als Maßstab genommen als sich auf das zu konzentrieren, was Jesus seine Jünger lehrte, und darauf, wie das konkret vom Leib Christi in der Welt gelebt werden kann.

166. Nachfolge und Friedensstiften. Lehre und Beispiel Christi geben uns Orientierung für unsere Theologie und Lehre über den Frieden. Der Begriff der Nachfolge – Jesus im Leben zu folgen – bildet die Mitte mennonitischer Theologie. Mennoniten bestehen darauf, dass das Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn bedeutet, dass die Menschheit Christi ethische Relevanz hat. Auch wenn die Entscheidungen, die er traf, und die Schritte, die er unternahm und die zu seiner Kreuzigung führten, im Kontext seiner Zeit interpretiert werden müssen, offenbaren sie die Liebe Gottes zu denen, welche ihm nachfolgen.(168) Christliche Liebe umfaßt die Feindes-liebe, die Botschaft von der Vergebung als Gabe für alle, die Sorge für die Randgruppen der Gesellschaft und die Berufung zu einer neuen Gemeinschaft.

167. Eine letzte Herausforderung für die Theologie ist die Entfaltung der Konsequenzen, die das Kreuz für unsere Lehre über Krieg und Frieden hat. Die Erlösung ist die Grundlage unse-res Friedens mit Gott und miteinander. Versöhnung und Gewaltlosigkeit gehören zur Mitte des Evangeliums. Darum entspricht eine Ethik der Wehrlosigkeit, der Gewaltfreiheit und des aktiven Friedensstiftens unserem Glauben an Gott. Gott hat seine Liebe zu den Menschen in Christus geoffenbart, der bereit war, als Folge seiner Botschaft vom Reich Gottes am Kreuz zu sterben. So ist das Kreuz ein Zeichen Liebe Gottes zu seinen Feinden (Röm 5,10 f.). In der Auferstehung bestätigt Gott den Weg Jesu und schafft neues Leben. Die Überzeugung, daß Liebe stärker ist als der Tod, ist Christen da eine Hilfe, wo ihr Glaube zu Leiden führt.

168. Welche Einstellungen und welches Handeln sind Kennzeichen einer Friedenskirche? Die Mitte ihres Gottesdienstes ist die Feier der Gegenwart Gottes. Wenn die Kirche für die Gegenwart Gottes in dieser Welt Zeugnis ablegt, ist sie eine Gemeinschaft der Versöhnten. In einer “Kirche der Glaubenden” zeigt sich Versöhnung in allen Aspekten des kirchlichen Lebens. Ihre Ordnung leitet die Glieder zur Versöhnung und zur Lösung von Konflikten an. Gemäß Mt 18,15-22 wendet sie das “Binden und Lösen” auf die Interpretation der Bibel und die sittlichen Entscheidungen an. Dieses Zeugnis eines Jüngers für das Reich Gottes schließt Gewaltlosigkeit, aktives Friedensstiften und das Anprangern von Ungerechtigkeit ein. Widerstand gegen Gewalt heißt nicht nur, die Teilnahme daran zu verweigern, sondern auch den Opfern beizustehen und den Angreifern entgegenzutreten. Die Friedenskirche sucht den Feind zu lieben, wendet sich aber zugleich gegen das Böse und gegen Unterdrückung. Sie tritt für Gerechtigkeit für alle ein. Sie bekennt sich zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und zur gewissenhaften Teilnahme an Staat und Gesellschaft.

169. Mennoniten betätigen sich in den Gemeinden in Friedensgruppen, nehmen auf nationaler Ebene an Komitees für den Frieden teil und fördern internationale Friedensnetzwerke über die Mennonitische Weltkonferenz und das Mennonitische Zentralkomitee (MCC). Die Überzeugung, dass Friede in vielen Schritten geschaffen werden muß, hat Mennoniten dazu geführt, Freiwilligendienste auf unterschiedlichen Ebenen zu fördern: z.B. Hilfswerke und Katastrophendienst, Erziehungsarbeit und Förderung der Menschenrechte. Methoden der Konfliktlösung und der Mediation wurden ausgearbeitet und verbessert. Christliche Peacemaker Teams sind eine Initiative von Mennoniten und anderen historischen Friedenskirchen, um bei bewaffneten Konflikten einzugreifen und bedrohte Menschen durch ihre Anwesenheit zu schützen und sich selbst der Gefahr auszusetzen.

170. In allen Teilen der Welt ringen Mennoniten mit Friedensfragen und sie glauben, dass dieses Ringen ein Kernpunkt kirchliches Handeln ist. Für einige würde ihr Glaubensstandpunkt am besten mit “ Wehrlosigkeit” beschrieben, gemeint in dem Sinne, dass jede Beteiligung an einem Krieg abgelehnt wird, alle Formen von Gewalt vermieden werden und sogar jede Art von Regierung zurückgewiesen wird. Für andere würde “Wehrlosigkeit” nicht mehr eine Charakterisierung ihrer Überzeugung sein, und ein auf Glauben gegründeter Pazifismus wäre ein angemessenerer Ausdruck. In einigen Gegenden der Welt bewegen sich Mennoniten in ihrer Theologie und Praxis von “Wehrlosigkeit” zu aktiver Gewaltlosigkeit und zu einer Haltung, die für einen gerechten Frieden eintritt.(169) Das schließt die prophetische Anklage der Gewalt durch aktive Kritik der Regierungspolitik ein, wie z.B. während des Balkankriegs.

171. Eine andere Dimension des biblisch verstandenen Friedens ist die Bewahrung der Unversehrtheit der Schöpfung. Ein einfacher Lebensstil und die verantwortliche Nutzung der begrenzten Ressourcen der Welt ist seit langem eine typische mennonitische Haltung gewesen.

“Als Haushalter der Welt, die Gottes ist, sind wir aufgerufen, für diese Erde zu sorgen, und ihr mit allem, was auf ihr lebt, zur Ruhe und Erneuerung zu verhelfen. darauf lebt, Ruhe und Erholung zu verschaffen. Als Haushalter irdischer Besitztümer sollen wir einfach leben, einander helfen, wo es Not tut, wirtschaftliche Gerechtigkeit fördern und mit freudigem Sinn großzügig geben”.(170)


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