Mennonitisch-Katholischer Dialog:1830
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
Konvergenzen
172. Schöpfung und Friede. Mennoniten und Katholiken können gemeinsam sagen, dass Gott, der “aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen hat, damit es die ganze Erde bewohne” (Apg 17,26), alle Menschen zu ein und demselben Ziel bestimmt hat, nämlich zur Gemeinschaft mit Gottes eigenem Wesen. Ebenso sind alle Menschen, die nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen sind, zur Einheit untereinander durch gegenseitige Selbsthingabe berufen (vgl. Gen 1,26; Joh 17,21 f.).(171) Die Erlösung hat darüber hinaus der Schöpfung den Frieden wiedergebracht, der durch die Sünde verloren war (Gen 9,1-17; Kol 1,19 f.; Apg 21,5). Als Gottes neue Schöpfung sind die Christen berufen, ein neues Leben in Frieden miteinander und mit allen Menschen zu führen (2 Kor 13,11; Röm 12,18).
173. Wir sind uns auch einig, dass die biblische Sicht des Friedens als Schalom die Bewah-rung der Unversehrtheit der Schöpfung mit einschließt (Gen 1,26-31; 2,5-15; 9,7-17; Ps 104).(172) Die Kirche ist berufen, im Geist der Haushalterschaft zu bezeugen, dass die Menschen so leben sollen, dass sie für die Erde Sorge tragen und sie nicht ausbeuten.
174. Christologie und Frieden. Das Friedenszeugnis von Mennoniten und Katholiken hat sei-ne Wurzeln in Jesus Christus, “der unser Friede ist; denn er vereinigte uns beide .... Er stiftete Frieden und versöhnte uns beide durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib” (Eph 2,14-16). Wir verstehen den Frieden anhand der Lehre, des Lebens und des Todes Jesu Christi. Gesandt zur Versöhnung, blieb er seiner Sendung treu bis zum Tod am Kreuz, und seine Treue wurde bestätigt in seiner Auferstehung. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe Gottes zu seinen Feinden.(173)
175. Ekklesiologie und Friede. Die Kirche ist berufen, eine Friedenskirche zu sein, eine Frieden stiftende Kirche. Davon sind wir gemeinsam überzeugt. Wir halten dafür, dass die durch Christus gegründete Kirche dazu berufen ist, ein lebendiges Zeichen und ein wirksames Werkzeug des Friedens zu sein, das jede Form von Feindschaft überwindet und alle Völker im Frieden Christi versöhnt (Eph 4,1-3).(174) Wir sagen mit Nachdruck, dass Christus in seiner Kirche durch die Taufe die Unterschiede zwischen den Völkern überwindet (Gal 3,28). Kraft ihrer Taufe auf Christus sind alle Christen berufen, Frieden zu stiften. Alle Formen von Haß und Gewalt zwischen Völkern und Religionen sind mit dem Evangelium unvereinbar, und die Kirche hat einen speziellen Auftrag bei der Überwindung ethnischer und religiöser Mei-nungsverschiedenheiten und beim Aufbau eines internationalen Friedens.(175) Ferner sind wir uns einig, dass es eine Tragödie ist, wenn Christen einander töten.
176. Katholiken und Mennoniten teilen die Einschätzung, dass sich die Kirche von bloß menschlichen Organisationen unterscheidet, und gemeinsam treten wir für Religionsfreiheit und die Unabhängigkeit der Kirche ein. Die Freiheit der Kirche von staatlicher Einmischung gibt ihr die Möglichkeit, vor der umfassenderen Gesellschaft Zeugnis abzulegen. Kraft ihrer Würde als Kinder Gottes besitzen überdies alle Männer und Frauen das Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit. Niemand sollte gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln, besonders in religiösen Angelegenheiten.
177. Friede und Gerechtigkeit. Wir sagen gemeinsam, dass Friede im Sinne des biblischen Wortes Schalom im Gut-Sein, im Ganz-Sein, in der Harmonie und in der Richtigkeit der Beziehungen besteht. Als Erben dieser biblischen Tradition glauben wir, dass Gerechtigkeit, verstanden als das rechte Verhältnis zueinander, untrennbar mit dem Frieden einhergeht. So bezeugen die Propheten: “Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer” (Jes 32,27; vgl. Ps 85, 10; 13).(176)
178. Wir sind uns einig, dass zur Vision des Evangelium vom Frieden die aktive Gewaltlosigkeit gehört, um das menschliche Leben und die Menschenrechte zu verteidigen, Gerechtigkeit für die Armen im Wirtschaftsleben zu unterstützen und in dem Interesse, die Solidarität unter den Völkern zu fördern. Ebenso verwirklicht der Friede das fundamentale Recht auf ein Leben in Würde und damit das Recht, Zugang zu allen Mitteln zu haben, die dieses Leben ermöglichen: Land, Arbeit, Gesundheit und Bildung. Aus diesem Grund ist die Kirche berufen, mit den Armen solidarisch und ein Anwalt der Unterdrückten zu sein. Ein auf Unterdrückung errichteter Friede ist ein falscher Friede.
179. Wir teilen die gemeinsame Überzeugung, daß Versöhnung, Gewaltfreiheit und aktives Schaffen des Friedens zur Mitte des Evangeliums gehören (Mt 5,9; Röm 12,14-21; Eph 5,16). Christliches Stiften des Friedens umfasst die aktive Gewaltfreiheit bei der Konfliktlösung sowohl im Inneren wie auch international und zur Lösung von Konfliktsituationen. Wir glauben, dass, wenn solche Verfahren einzelnen Gruppen und Regierungen zur Verfügung stehen, die Versuchung verringert wird, zu den Waffen zu greifen, auch nicht als letztem Ausweg.
180. Nachfolge und Frieden. Wir sind uns einig, dass Nachfolge, verstanden als Christus gemäß der Lehre und dem Beispiel Jesu im Leben zu folgen, die Grundlage christlichen Lebens ist. Jesu irdisches Leben setzt Maßstäbe für alle Menschen (Joh 13,1-17; Phil 2,1-11).(178) Die Entscheidungen, die Jesus traf, und die Schritte, die er unternahm und die zu seiner Kreuzigung führten, offenbaren die zentrale Stellung der Liebe, einschließlich der Feindesliebe, im menschlichen Leben (Mt 5,38-48). Sie beinhalten auch die Botschaft von der Vergebung als ein Geschenk für alle, die Sorge für die Randgruppen der Gesellschaft und die Berufung zu einer neuen Gemeinschaft. Nächstenliebe ist die Erfüllung des Gesetzes, und Feindesliebe ist die Vollendung der Liebe (Röm 13,8; Mt 5,34-48).(179)
181. Das christliche Friedenszeugnis gehört wesentlich zu unserem Wandel in der Nachfolge Christi und zum Leben der Kirche “als Hausgenossen Gottes” und “Wohnung Gottes im Heiligen Geist” (Eph 2,19; 22). Christliche Gemeinschaften haben die Verantwortung, die Zeichen der Zeit zu erkennen und auf die Entwicklungen und Ereignisse mit geeigneten Friedensinitiativen, die auf dem Leben und der Lehre Jesu gründen, eine Antwort zu geben (Lk 19,41-44).(180) Mennoniten sehen die Initiative für das Zeugnis eher bei der Gemeinde und ihrem Erkenntnisprozess.:
“Gewalt ist nicht Gottes Wille. Unter der Führung des Geistes und beginnend in der Gemeinde legen wir vor den Menschen Zeugnis ab gegen alle Formen von Gewalt. ... Unsere höchste Treue und Ergebenheit gilt dem Gott der Gnade und des Friedens, der seine Kirche täglich durch Überwindung des Bösen durch Gutes leitet; er befähigt uns Gerechtigkeit zu üben, und erhält uns in der leuchtenden Hoffnung auf das Friedens-reich Gottes”.(181)
In der katholischen Kirche entstehen Friedensinitiativen in vielfacher Form: aus den Pfarreien, den geistlichen Gemeinschaften und den religiösen Bewegungen, den Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden oder für die Menschenrechte, von einzelnen Bischöfen und Bischofskonferenzen, vom Heiligen Vater und verschiedenen Dienststellen des Heiligen Stuhls.(182)
182. Gott offenbarte seine Liebe zu den Menschen in Jesus Christus, der bereit war, in Konsequenz seiner Botschaft vom Reich Gottes am Kreuz zu sterben. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe Gottes zu seinen Feinden (Röm 5,10 f.). Für Katholiken wie für Mennoniten ist es die größte persönliche und kirchliche Herausforderung, aus dem Kreuz die Folgerungen für unsere Lehre über Krieg und Frieden herauszulesen. Wir erkennen an, daß das Leiden eine mögliche Konsequenz unseres Zeugnisses für das Evangelium des Friedens ist. Wir nehmen voll Freude zur Kenntnis, dass wir gemeinsam die Märtyrer schätzen, “die große Wolke der Zeugen” (Hebr 12,1), die ihr Leben zum Zeugnis für die Wahrheit hingegeben haben.(183) Ge-meinsam halten wir dafür, dass “das Törichte an Gott weiser ist als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker ist als die Menschen” (1 Kor 1,25).
183. Mennoniten und Katholiken leben in der Erwartung, dass Nachfolge Leiden mit sich bringt. Jesus fordert uns auf: “Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach” (Mk 8,34). Liebe ist stärker als der Tod – dieser Glaube hält Christen da aufrecht, wo ihr Glaube zu Leiden führt. Katholiken sagen mit Papst Johannes Paul II.:
“Indem der Mensch sein Leiden für die Wahrheit und die Freiheit den Leiden Christi am Kreuz hinzufügt, vermag er das Wunder des Friedens zu vollbringen und ist im-stande, den schmalen Pfad zu erkennen zwischen der Feigheit, die dem Bösen weicht, und der Gewalt, die sich zwar einbildet, das Böse zu bekämpfen, es aber in Wahrheit verschlimmert”(184)
Mennoniten und Katholiken lassen sich von Texten des Evangeliums inspirieren wie z.B. Markus 10,35-45 und Lukas 22,24-27, in denen Jesus die, welche ihm folgen, einlädt, ihr Leben als Dienende aufzuopfern.
184. Beide Gemeinschaften sind bestrebt, Tugenden des Friedens zu pflegen: Vergebung, Feindesliebe, Achtung vor dem Leben und der Würde anderer, Mäßigung, Sanftmut, Erbarmen und den Geist des Selbstopfers. Wir versuchen auch, unseren Kirchengliedern geistliche Quellen für das Stiften von Frieden zu erschließen. Die Sendung der Kirche hat eine eschatologische Dimension. Sie nimmt das Reich Gottes vorweg. Die Kirche lebt in der Spannung zwischen dem “Schon” und dem “Noch nicht”. Schon jetzt ist die messianische Zeit angebrochen, aber das alte Zeitalter ist noch nicht zu Ende gegangen; seine Gesetze und Wertungen existieren weiter. In dieser parallelen Existenz von alt und neu hat die Kirche eine entscheidende Aufgabe: den Frieden zu fördern und der neuen Ordnung des Reiches Gottes Gestalt zu verleihen, indem sie ihren Gliedern hilft, sich an den Regeln des Reiches Gottes zu orientieren.
185. Mennoniten und Katholiken teilen die gemeinsame Überzeugung, dass Gottesdienst und Gebet zum Kern christlicher Friedensarbeit gehören. Wir feiern, was wir von Gott empfangen haben. Wir rufen zu Gott und wir flehen um Frieden. Im Gebet werden wir erneuert und durch das Gebet erhalten wir Orientierung. Wenn wir uns zu ökumenischen Gebetsgottesdiensten treffen, überwinden wir die Trennungen, die zwischen uns bestehen, und wir erfahren im Glauben Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
