Mennonitisch-Katholischer Dialog:1910
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Mennonitisch-Katholischer Dialog
A. Die Reinigung der Erinnerungen
192. Die Heilung der Erinnerungen erfordert zuallererst eine Reinigung der Erinnerungen. Dazu gehört die Konfrontation mit den Ereignissen der Vergangenheit, die Anlass zu unterschiedlichen Interpretationen der Geschehnisse und ihrer Gründe gegeben haben. Die vergangenen Ereignisse und ihre Umstände müssen so genau wie möglich rekonstruiert werden. Wir müssen die Mentalitäten verstehen, die Bedingungen und die lebendige Dynamik, in denen diese Ereignisse stattfanden. Eine Reinigung der Erinnerungen schließt die Bemühung ein, “das persönliche und das kollektive Bewusstsein von allen Formen von Groll und Gewalttätigkeit, die das Erbe der Vergangenheit sind, zu reinigen auf der Grundlage einer neuen und rigorosen historisch-theologischen Einsicht, welche zur Grundlage einer erneuerten moralischen Weise des Handelns wird”.(190) Auf dieser Grundlage haben Katholiken und Mennoniten die Möglichkeit, sich auf eine sichere und zuverlässige Weise einzulassen, übereinander zu denken und miteinander in Beziehung zu treten , die mit der christlichen Liebe in Einklang steht (vgl. 1 Kor 13).
193. Unser Bemühen, die Geschichte der Kirche als Katholiken und Mennoniten gemeinsam neu zu lesen (I. Kap.), half uns, damit zu beginnen, unsere divergierenden Erinnerungen an die Vergangenheit zu versöhnen. Wir sahen, dass “unsere Beziehung, oder besser: ihr Fehlen, in Verbindung mit Abbruch und Trennung begann. Seitdem, vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, hat die theologische Polemik beständig Negativbilder und verengte Stereotypen vom jeweils anderen gefördert”.(191) Wegen dieser Dynamik haben wir, “unsere Sicht der Geschichte der Christenheit manchmal auf diejenigen Aspekte beschränkt, die mit der Selbstdefinition unserer jeweiligen kirchlichen Gemeinschaften am meisten in Einklang zu stehen schienen”.(192)
194. In unserer historischen Untersuchung begannen wir, die Ereignisse oder Zeitabschnitte der Geschichte, die Mennoniten und Katholiken traditionell in einer jeweils sehr unterschiedlichen Weise interpretiert haben, gemeinsam auf eine neue Weise zu bewerten. Es hat sich uns z.B. ein nuancierteres und komplexeres Bild des Mittelalters, einschließlich der sogenannten Konstantinischen Ära, gezeigt, als jede Seite es typischerweise sah, als ihre Erklärungen dieser Jahrhunderte massiv von der nachreformatorischen Polemik beeinflußt waren. Als wir das Zeitalter der Reformation des 16. Jahrhunderts betrachteten, sahen wir, dass es trotz der schwerwiegenden Mißbräuche und Probleme in der katholischen Kirche dieser Zeit auch Bemühungen um eine innerkirchliche Reform gab. Neuerer Studien haben gezeigt, dass die christliche Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in vielfältiger Weise blühte und dass es zu einfach ist, die Christenheit jener Tage so zu beschreiben, als habe sie sich in einem Zustand der Krise oder des Verfalls befunden. Neuere historischen Studien, die diese Faktoren veranschaulichen, ermuntern uns, unser Studium dieser Epoche fortzusetzen und nach neuen Bewertungen der Umstände, die damals zur Trennung der Christen geführt haben, Ausschau zu halten.
195. Bezüglich der Frage nach dem im Evangelium begründeten christlichen Zeugnis für Frieden und Gewaltfreiheit legte unser Studium der Geschichte Bezugspunkte nahe, welche die Tür für gegenseitige Hilfe und gemeinsame Bemühungen unter Katholiken und Mennoniten öffnen könnten. Wir beobachteten z.B., dass es in der oft gewalttätigen Gesellschaft des Mittelalters als Teil des Erbes der katholischen Kirche eine ununterbrochene Tradition kirchlicher Friedensbewegungen gab.(193) Wir sahen auch, dass viele Täufer, selbst wenn einige zu den Täufern gerechnete Gruppen den Gebrauch des Schwertes zur Errichtung des Gottesreiches erlaubten, den Prinzipien des Pazifismus und der Gewaltfreiheit von Anfang an treu waren, und bald wurden diese Positionen lehrmäßig angenommen und beständig von Täufern und Mennoniten eingehalten.(194) Reinigung unseres Gedächtnisses in diesen Punkten bedeutet, dass Katholiken und Mennoniten fortwährend um die Aufrecherhaltung der evangeliumsgemäßen Sicht in Fragen des Friedens und der Gewaltlosigkeit ringen müssen. Und beide können in der früheren Geschichte der Kirche Anregungen finden, die uns helfen, in der gewalttätigen Welt von heute ein christliches Friedenszeugnis zu geben.
196. Kurz, wir glauben nicht nur, dass Versöhnung und Reinigung unserer geschichtlichen Erinnerungen in unseren Gemeinschaften weitergeführt werden müssen, sondern auch dass dieser Vorgang Katholiken und Mennoniten zu einer neuen Zusammenarbeit in der Bezeugung des Evangeliums vom Frieden führen kann.
197. Auf katholischer Seite bringen die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Reinigung der Erinnerung zum Ausdruck. Anders als in der Vergangenheit, als den anderen die Schuld an den eingetretenen Spaltungen gegeben wurde, erkennt das Konzil auch die Schuld von Katholiken an. Das Konzil macht in Bezug auf die Spaltungen der Vergangenheit das Zugeständnis, dass sie sich “nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten” ereigneten.(195) Überdies lädt das Konzil in einem offenen Geist zum Dialog ein und erkennt ferner an – und das spiegelt die katholische Haltung den Mennoniten heute gegenüber wieder – , dass “den Menschen, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren worden sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, die Schuld an der Trennung nicht zur Last gelegt werden darf – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe”.(196) Ein neueres Dokument des Exekutivkommitees der Mennonitischen Weltkonferenz, das in einem ähnlich offenen Geist den Dialog unterstützt, hat festgestellt: “Wir sehen christliche Einheit weder als eine von vielen Möglichkeiten an, die wir wählen könnten oder nicht, noch als etwas, das wir schaffen können. Vielmehr sehen wir sie als dringliches Gebot, dem unbedingt zu folgen ist”.(197)
