Offener Antwortbrief auf die Predigt von ORK Michael Martin
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Offener Brief
zur Predigt von OKR Michael Martin anlässlich des Studientages: <Rechtmäßig Krieg führen> oder <sich widersetzen>? am 12.11.05 Die Dekade ‚Überwindung von Gewalt’ und Artikel 16 der Confessio Augustana
Buß- und Bettag, 15.11.05
Lieber Michael,
wie ich dir unmittelbar nach dem Gottesdienst am Samstagabend in Augsburg schon sagen konnte, bin ich mit deiner Predigt und vor allem deren Schlussabsatz ganz und gar nicht einverstanden. Da ich nur kurz mit dir sprechen konnte, will ich meinen Dissens nun ausführlicher schriftlich erläutern. Ich will dabei direkt sein, die Dinge beim Namen nennen, auch meine Gefühle nicht verbergen.
Wir hatten uns am 11./12.11.06 intensiv und in verschiedener Weise mit CA 16, seiner Wirkungsgeschichte als Rechtfertigung staatlicher Gewalt, vor allem in Form von Kriegen, aber auch mit der darin ausgesprochenen Verdammung täuferisch pazifistischer Christen beschäftigt. Auch die Ausweitung dieser Verurteilung in der jüngst fürs Evangelische Gesangbuch veränderten CA-Fassung war ein Thema. Ich bedaure sehr, dass du auf unserem Studientag nicht anwesend warst und somit den Diskussionsprozess nicht mitgekriegt hast. Die z.T. schon vorher vorliegenden Papiere gaben jedoch schon einen Eindruck, in welche Richtungen der Diskurs gehen würde.
Zunächst eine Verständnisfrage zu deiner Predigt. Du sagst, CA 16 sei nicht „Lehrmeinung im engeren Sinn“. Wie soll ich Lehrmeinung im engeren oder demgegenüber im weiteren Sinn verstehen? Und was bedeutet es für das Verständnis und die Verbindlichkeit von CA 16 oder auch für die ganze CA, wenn sie „nicht Lehrmeinung im engeren Sinn“ ist?
Nun aber gleich zu meinem Hauptproblem mit deiner Predigt. Mir ist deine Behauptung nicht nachvollziehbar, es treffe sich „das Anliegen des Gebotes zur Feindesliebe bei Lukas durchaus mit dem Anliegen von Artikel 16 der Confessio Augustana“.
Was ist denn das Anliegen Jesu in der Feldrede (Lk 6,27-31), deinem Predigttext? Ich meine, Jesus will tatsächlich, wie du nicht müde wirst zu betonen, einen Blickwechsel. Er fordert uns auf, die Perspektive zu wechseln und seine Perspektive einzunehmen, die Perspektive der Liebe selbst zu seinen schlimmsten Feinden. In Jesus begegnet uns Gott selbst. Das ist unser gemeinsames christliches Bekenntnis. Statt uns zu verwerfen, wirft er den Blick göttlicher Liebe auf uns Menschen. Darum erträgt Jesus die Gewalt seiner Gegner und geht ihnen gewaltfrei entgegen bis ans Kreuz. Sein gewaltfreies Leiden und Sterben versöhnt uns, als wir noch Feinde waren (Röm 5, 10). Und er fordert uns auf zum Blickwechsel, ihm in die Augen zu schauen und in steter vertrauter Nähe, im nicht endenden Blickwechsel mit ihm, auf dem Weg seiner Nachfolge die Gewalt zu verlernen (Jes 2, Mi 4). Solch persönliche geistgewirkte Kommunikation mit Christus als dem Haupt des Leibes führt zum Blickwechsel mit den anderen Gliedern und zur Weitung der Perspektive ins Reich Gottes als ein das römische Reich und alle weltlich-irdischen Reiche transzendierendes Gemeinwesen. Du formulierst selbst in deiner Predigt als Grundmotiv des Lukasevangeliums: „Das Reich Gottes beginnt da, wo sich die irdischen Verhältnisse umkehren.“ Daraus entwickeln Jesus und seine Jünger eine Kontrastethik und eine Einladung zum gemeinsamen Leben als Kontrastgesellschaft (Norbert Lohfink, ebenso das katholische Bischofswort „Gerechter Friede“).
Was ist demgegenüber die Intention von CA 16? Mir scheint, sie ist der von Jesus diametral entgegengesetzt. Ging es Jesus darum, das mit ihm anbrechende Reich Gottes zu leben und zu verkündigen, so geht es CA 16 um die Affirmation staatlicher Gewaltausübung des damaligen „heiligen“ römischen Reiches deutscher Nation und darum zu beweisen, dass die lutherische Reformation und die ihr anhängenden Reichsstände herrschaftskompatibel waren.
Es formuliert explizit, dass Christen gerade das tun dürfen, wovon Jesus sie auf dem Berg bei Matthäus und auf dem Feld bei Lukas freimacht – und ich meine hier nicht „kaufen und verkaufen, Ehe und Eigentum“, sondern Kriegführen, Scharfrichter sein und Eide leisten. Kriegführen, Hinrichtungen – ohne Sünde! – wo bleibt da eigentlich simul justus et peccatur?
Jesus untersagt uns diese staatstragenden Handlungen aus gutem Grund, denn sie stehen in starker Spannung oder vertragen sich gar nicht mit der Bürgerschaft in seinem so ganz anderen Reich. So mussten Luther und das Luthertum auch alle möglichen Auswege (er)finden, sich vor der Ethik der Bergpredigt zu retten. Bemerkenswert und ironisch, dass inzwischen gewaltfreie Konfliktlösung als Ausweg aus Jesu Ethik herhalten kann.
Du hast die Verdammung der „Wiedertäufer“ nicht erwähnt in deinem Rettungsversuch für CA 16. Gerade sie und ihre unfreiwillig ironische Verallgemeinerung auf alle Pazifisten zeigt aber, dass Geist und Intention der CA dem Geist Jesu völlig entgegen stehen. „Segnet, die euch verfluchen!“ gebietet Jesus. Wie kannst du über diesen Text predigen und nicht die blutige Spur des Fluches von CA 16 (oder auch CA 8, 9, 10, 17) erwähnen? Dass dies an anderer Stelle von Lutheraneren schon einigermaßen bedauert wurde, entlässt dich nicht aus der Erwartung der Tagungsteilnehmer und der interessierten Öffentlichkeit, an diesem Tag etwas dazu zu hören.
Im Gesamtkontext der Feldrede sind zum Thema Verwerfung sehr deutliche und direkte Worte zu lesen: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen“. Lk 6, 22. Nach der alten Lutherversion von 1912 stand hier: wenn sie „verwerfen euren Namen als einen bösen um des Menschensohnes willen“. Tröstlich diese Seligpreisung Jesu angesichts der aus Augsburg und anderen Stätten vertriebenen Täufer. Nicht wenige von ihnen wurden von Scharfrichtern „draußen vor dem Tor“ (Hebr 13,12) hingerichtet. Richter und Scharfrichter wurden zu ihrem Handeln durch CA 16 ermutigt. Gott sei Dank gibt es Beispiele, dass der von CA 16 beabsichtigte Schlaf der Gewissen nicht flächendeckend war.
Die Art und Weise, wie du CA 16 retten willst, empfinde ich als erneute Verwerfung im mehrfachen Sinn. Nach deiner Predigt hatte ich das Gefühl, mitsamt den Täufern des 16. Jahrhunderts erneut verdammt zu sein. So war es mir und anderen nicht möglich, nach deiner Predigt am Abendmahl teilzunehmen. Konfessionell war dies eine gemischte Gruppe. Der Leib Christi, das wurde überdeutlich, ist und bleibt an dieser Stelle zerrisssen und zwar heute quer zu den Denominationen. Die seit dem mennonitisch/lutherischen Dialogpapier bestehende formale gegenseitige Abendmahlseinladung kann diesen Riss nicht heilen. Wie sollen wir einer Heilung der Erinnerungen näherkommen? Unser Studientag sollte ein Schritt auf dem Weg dahin sein. Doch überdeutlich und schmerzlich waren sie nun wieder zu spüren, die alten Wunden.
Zumindest implizit hast du den Pazifismus der Täufer erneut verurteilt und damit ihre Verwerfung bestätigt. Nämlich indem du die Position von CA 16 zu einem allgemeinen Postulat für alle Christen machst „dass es für einen Christenmenschen unverzichtbar ist, sich in der Welt mit all ihren Abgründen zu engagieren“. Also wohl auch als Soldat in den Abgrund der Armee zu gehen? Im Vorbeigehen denunzierst du den täuferischen Ansatz der Kirche als Kontrastgesellschaft, die in der Nachfolge Jesu Reich Gottes leben will, so gut sie es eben kann, wenn du dem Welt-Engagement den Rückzug „in ein frommes Ghetto“ gegenüberstellst.
Dass heute in Deutschland Christen nicht mehr mit lutherischem Segen Scharfrichter sind, liegt nicht an einem Sinneswandel der Kirche, sondern am Humanitätsgewinn des Grundgesetzes nach 12 Jahren des Abgrundes und abgründigem christlichem Engagement darin aus fast allen Konfessionen. Auch Mennoniten waren damals nicht zu deutlichem Widerstand fähig.
Ob und wie der sogenannte „mündige Christ“ „Verantwortung in der Welt übernehmen muss“ ist doch seit dem 16. Jahrhundert und bis heute gerade Gegenstand der Debatte. Wie kannst du diese fortdauernde Debatte, von der unser Studientag ein winziger Teil war, so von der Kanzel herab entscheiden wollen?
Die Täufer wollten nicht nach den Regeln der „Welt“, von der ich übrigens meine, dass sie sich seit dem 16. Jahrhundert nicht allzu sehr geändert hat, Verantwortung übernehmen. Sie wollten nicht das Töten von Menschen verantworten, um den Bestand der Gesellschaft zu sichern. Sie wollten in dieser Sache der klaren Lehre und dem Beispiel ihres Herrn folgen. Sie wollten nach 1 Petr 3,15 allerdings „jederzeit bereit sein zur Verantwortung gegen jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist“. So das Motto der täuferischen Programmschrift von Peter Ridemann „Rechenschaft unserer Religion, Lehre und Glaubens ...“ 1540/41.
Die „Übernahme von Verantwortung“ läuft in den EKD-Friedensdenkschriften, seit den 50er Jahren immer darauf hinaus, dass notfalls als „ultima ratio“ auch Gewalt eingesetzt wird, und es wird vorausgesetzt, dass Christen da mitmachen. Die Logik und die Grundstruktur der Argumentation steht dabei ganz in der Linie von CA 16. Die Gewaltfreiheit Jesu wird zwar als komplementäre Handlungsweise gelten gelassen, aber es wird behauptet, nur zusammen mit dem Handeln, der Christen, die zum Töten und Kriegführen bereit sind, ergebe sich ein gültiges Zeugnis. Damit stehen diese Denkschriften allesamt im Gegensatz zu Lehre und Leben Jesu. Das gewaltfreie Zeugnis wird neutralisiert. Der amerikanische mennonitische Theologe John Howard Yoder prägte dafür den Begriff „konstantinische Häresie“. Als die Täufer im 16. Jahrhundert begannen, auf den Widerspruch protestantischer Sozialethik zur Lehre Jesu hinzuweisen, wurden sie als Ketzer und Aufrührer verdammt und vernichtet. Der Rat der Stadt Nürnberg ließ 1527 als „erstes Lehrstück bezüglich der Widertäufer Irrtum, Lügen und Gotteslästerung“ formulieren: „Sie behaupten, ein Christ müsse in die Fußstapfen Christi treten und seinem und seiner Apostel Exempel nachfolgen. Was er getan habe, dass er‘s auch tue. Was er gelassen habe, dass er’s auch lasse.“
CA 16 leugnet den Imperativ der Nachfolge und der Feindesliebe, indem es Jesus in ein „innerlich, ewig Wesen und Gerechtigkeit des Herzens“ einschließt, und ihn für unzuständig erklärt für „weltlich Regiment, Polizei und Ehestand“.
Es tut schon weh, wie du in atemberaubender Weise daraus, dass „Christen sich im Sinne der Feindesliebe für Methoden gewaltfreier Konfiktbearbeitung einsetzen“ folgerst, dies entspreche „genau (sic!) dem Grundanliegen von CA 16“. Ich finde, du formulierst hier sehr wenig „genau“. Du hättest ja durchaus CA 16 als lutherisches Erbe reklamieren können, zugestehen, dass es früher einiges Unheil angerichtet hat, und dich der Frage stellen, ob es denn heute eher Heil oder Unheil wirkt. Und du hättest den Wunsch aussprechen können, dass es in Zukunft als Motivation zu gewaltfreier Konfliktbearbeitung gedeutet werden möge. Vielleicht noch anschließen können, dass die Worte Jesu zu dieser Thematik allerdings eine viel stärkere und grundlegendere Motivation und Handlungsanleitung bieten.
In meinen Augen liegt der Grundfehler der sozialethischen Argumentationsweise, die auch CA 16 prägt, darin, dass sie keinen Jesus braucht für ihre Schlüsse. Wo der Heiland ausgeschlossen wird aus der ethischen Urteilsfindung, kann es aber auch mit dem Heil nicht weit her sein.
Zudem meine ich, Feindesliebe ist viel mehr als gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Feindesliebe ist viel mehr als Methode! Feindesliebe kommt aus der Kraft, die Jesus am Kreuz sagen ließ „Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ Ein Satz, den in seiner Nachfolge auch der in Augsburg 1528 hingerichtete Täufer Hans Leupold in seinem kurz vor der Hinrichtung gedichteten Lied nachsprach. Wir haben es am Nachmittag in Augsburg während der Stadtführung gesungen.
Mag sein, dass CA 16 „geradezu [als] eine Aufforderung zum friedensethischen Engagement“ verstanden werden kann. Ich halte es jedoch für entscheidend, wo die Orientierungspunkte unserer Friedensethik liegen, bzw. ob wir als Christen Friedensethik oder Friedenstheologie treiben. Verorten wir die Orientierungspunkte wie CA 16 und die kirchliche Friedensethik seit Augustin weiter in Naturrecht und griechisch/römischer Philosophie und damit außerhalb des ethischen Bezugsrahmens des Neuen Testaments? Oder gelingt eine friedenstheologische Orientierung, die sich bezieht auf Jesus Christus, den wir doch ökumenisch als Inkarnation Gottes bekennen. Wenn die Menschwerdung keinen Einfluss auf unsere Ethik hat, wofür ist Jesus dann am Kreuz gestorben?
Du bringst das Stichwort „einmischen“. Im Kontext von CA 16 bedeutet es eine Aufforderung zum Engagement im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. Bei unserer Stadtführung hörten wir auch Worte von Hans Denck, der 1526 Augsburg verließ, weil er im „Dialog“ mit den lutherischen Reformatoren um sein Leben fürchten musste. Mir scheint, der vermeintliche „Schwärmer“ zeigt in diesen Sätzen mehr Realismus als die so „realistischen“ Obrigkeitsreformatoren. Es kommt immer auf den Bezugsrahmen des Realismus an.
Mit Gewalt verfahren und herrschen ist gar keinem Christen erlaubt, der sich seines Herrn rühmen will. Denn das Reich unseres Königs steht allein in der Lehre und in der Kraft des Geistes. Wer Christus wahrlich als seinen Herrn erkennt, der soll auch nichts [anderes] tun, als was er ihm befiehlt. ... Denn es ist die Art der Liebe, dass sie nicht will oder begehrt jemanden schädlich zu sei .... Und sofern es einer Obrigkeit möglich wäre, auch so zu handeln, so könnte sie wohl auch christlich in ihrem Stand sein. Dieweil es aber seit je die Welt nicht ertragen kann, so soll und kann ein Freund Gottes nicht in die Obrigkeit, sondern [muss] draußen wachsen, will er Christum für einen Herrn oder Meister halten. Wer den Herrn liebt, der liebt ihn, er sei in welchem Stand auch immer, doch soll er nicht vergessen, was einem wahren Liebhaber zusteht, nämlich, dass er um des Herrn willen auf alle Gewalt verzichte und sich nicht weigere, jedermann untertan zu sein gleichwie dem Herrn.
Das „sofern es einer Obrigkeit möglich wäre“ könnt ihr in Bayern seit geraumer Zeit am Beispiel eures Synodenmitglieds Beckstein beobachten. Ob er in Sachen Abschiebung von Ausländern vom Gesetz her so handeln muss, ob er in der bayrischen Landeskirche so konstantinisch sozialisiert wurde oder ob ihn die Verhältnisse dazu zwingen, es wird alles zusammen kommen und zu seinem im Amt zumindest gegenüber den Asylrecht beanspruchenden „Fremden“ wenig christlichen Verhalten führen. Wie Denck den Zusammenhang des Zwangs der Verhältnisse formuliert, finde ich wesentlich weniger naiv, als CA 16 und andere Versuche, Christen zur sozialen Verantwortung zu ertüchtigen, indem ihnen nicht genuin christliche Maximen an die Hand gegeben werden.
Dann noch zum Stichwort „gerechter Frieden“: Anders als im katholischen Bischofswort „Gerechter Friede“, wo es in eine biblisch friedenstheologische Dynamik gestellt wird, liest sich dieser Terminus in der EKD „Zwischenbilanz“ wie eine Chiffre des „gerechten Krieges“. An keiner Stelle kommt die Herausforderung Jesu zu kreativer gewaltfreier Nachfolge in den Blick. An den beiden Stellen, wo sie dennoch kurz aufblinkt, wird sie wortreich neutralisiert.
Verdammt?! nochmal?! So empfinde ich: wir sind am Samstag in Augsburg von der Kanzel herab nochmal verdammt worden. Denn dein Schlussabsatz verwirft erneut den täuferisch friedenskirchlichen Ansatz Kirche zu sein und alle, die sich mit diesem Ansatz heute identifizieren. Natürlich gebrauchst du nicht die Sprache des 16. Jahrhunderts. Doch die Argumentationsstruktur und Denklogik verwirft die Nachfolgeekklesiologie der Täufer erneut als naiv und nur in ein „frommes Ghetto“ passend. Das klingt auch schon im Ergebnispapier des luth.-men. Dilaogs an, wenn es dort heißt, die Verdammungen der CA träfen die heutigen Mennoniten nicht (mehr) und damit impliziert wird, wir Mennoniten seien nicht dieselben geblieben, wir hätten nicht mehr dieselbe radikale Nachfolgeposition. Tut mir leid, ich und andere, wir sehen uns in dieser Tradition; und so fühle ich mich, uns als Mennoniten und darüber hinaus andere gewaltfreie Christen von deiner Rettung der CA 16 neu und wiederum verdammt.
Wie soll angesichts solcher Gefühle Heilung der Erinnerungen geschehen? Nun, ich glaube, es liegt noch ein langes Wegstück vor uns. Vielleicht muss der Dialog erst mal richtig beginnen. Der Gottesdienst hatte keine dialogische Struktur. Rückmeldungen zur Predigt waren nicht vorgesehen. Keiner, derjenigen die Widerspruch fühlten, wollte in die alte täuferische Rolle des Predigtstörers verfallen. Was blieb uns als Dialogbeitrag anderes als Nichtteilnahme am Abendmahl? Ich sehe also auch diese schmerzliche Geste als Schritt des Dialogs, als positive Kommunikation – im deutlichen Nein zur vereinfachenden und vereinnahmenden Formulierung des Schlussabsatzes der Predigt ist der Wunsch enthalten nach weiterem Dialog und gegenseitigem Verstehen.
Dieser Dialog ist flächendeckend zu führen – in jeder Kirchengemeinde – in jeder Region. Fast überall wurden im 16. Jahrhundert Menschen wegen ihres Christusbekenntnisses umgebracht. Fast nirgends sind diese Märtyrer heute bekannt. Ich halte es wegen unseres heutigen und zukünftigen Zeugnisses für entscheidend, dass dieser Menschen und ihres Beispiels gedacht wird. Auf dem Rückweg von Augsburg fuhr ich südlich über Leiterhofen. Die Gedenktafel an Eitelhans Langenmantel am dortigen Schlössle ist fast völlig von Efeu überwuchert. Ich fuhr auch an seinen Hinrichtungsort Weißenhorn, wohin die Truppen des Schwäbischen Bundes ihn verschleppt hatten. Dort erinnert, außer einem seltsam formulierten Absatz im lokalen Geschichtsbuch, nichts an ihn und die mit ihm hingerichteten Brüder und Schwestern.
Auf dem Studientag hörten wir vom Beispiel der Umkehr der Zürcher Reformierten Kirche. Ich konnte selbst letztes Jahr dabei sein, als Kirchenpräsident Ruedi Reich erklärte, die Verurteilung und blutige Verfolgung der Täufer sei „Verrat am Evangelium“ gewesen. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch lutherische Kirchen fähig werden, sich eines Tages ihren Irrtümern zu stellen und umzukehren von den Irrwegen der Vergangenheit. Ich hoffe das nicht unseretwegen, sondern weil es Raum schaffen würde für vertiefte ökumenischen Gemeinschaft, für glaubwürdigeres gemeinsames Zeugnis, für gemeinsame Schritte auf dem Weg der Nachfolge Christi. Der Schatz der Nachfolge Jesu gehört nicht den Täufern, er ist das allgemeine Erbe der ganzen Christenheit, er wird aktualisiert durch die Wolke von Zeugen durch die Jahrhunderte bis in alle Zukunft.
Die Denkstruktur von CA 16 zähle ich nach 2 Kor 10, 4f zu den Befestigungen und Gedeankengebäuden, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen und die wir mit den uns verliehenen mächtigen (geistlichen) Waffen zerstören sollen. Im Zusammenhang solcher ideologischer Bollwerke, die der Gotteserkenntnis entgegenstehen, ist auch von der Aufgabe die Rede „alle Vernunft unter den Gehorsam Christi gefangen zu nehmen“. Ein sehr passendes Wort zu den angesprochenen nicht an Christus orientierten ethischen Modellen.
Leider strahlt der Schluss der Predigt auch aus auf das, was vorher gesagt wurde. Zum einen, weil ich als Zuhörer mich nach dem Schluss kaum mehr erinnerte an das zuvor gesagte, zum anderen weil mir nun auch darin eine Schlagseite auf „vernünftigem“ sozialethischem Handeln zu liegen scheint, verpackt in wohlklingende Formulierungen gewaltfreien Eingreifens.
Vielleicht sollte auch nicht vergessen werden, dass viele Methoden und inhaltliche Grundlagen gewaltfreien Handelns und konstruktiven Umgangs mit Konflikten im nordamerikanischen friedenskirchlichen Kontext von Quäkern, Brethren und Mennoniten entwickelt wurden. Darunter Dinge wie der heute in der Justiz fast Allgemeingut gewordene Täter-Opfer-Ausgleich oder Streitschlichtungsprogramme in Schulen etc.
„Es ist möglich, Feindbilder zu überwinden! Erfahrungen ... gibt es ja genügend, sie müssen aber auch politisch gewollt und gefördert werden.“ So schreibst du auch in deiner Predigt.
Vielleicht siehst du dich ja von mir grob missverstanden, vielleicht stehen zwischen uns Bilder voneinander, die wir uns lieber auch nicht machen sollten, selbst wenn sie noch keine Feindbilder wären. Ich jedenfalls wäre froh, wenn wir in der zweiten Hälfte der Dekade zur Überwindung von Gewalt gemeinsam die strukturellen kirchlichen Rechtfertigungen der Gewalt dem Licht Christi aussetzen würden und damit den ersten Schritt zu ihrer Überwindung tun würden.
Es würde uns einander und der Erkenntnis Christi näher bringen.
Sei herzlich gegrüßt,
Wolfgang Krauß
