Verdammt? nochmal!?
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Verdammt? nochmal!?
Gedanken zur Predigt von Michael Martin in Augsburg, 12.11.05
Michael Martin ist als Oberkirchenrat der Ev.-luth. Kirche in Bayern Leiter der Abteilung „Ökumene und Kirchliches Leben“. Er war in den 80er Jahren einige Jahre halbzeitig Prediger der Mennonitengemeinde München. Wolfgang Krauß war an der Vorbereitung des Augsburger Studientages im Auftrag von AMG und DMFK beteiligt. In einem offenen Brief antwortete er auf die Predigt von Michael Martin. Hier einige Gedanken, die ähnlich auch in dem offenen Brief geäußert wurden. Predigt und Brief sind zu erhalten bei www.dmfk.de
Die Verdammung der „Wiedertäufer“ erwähnt Michael Martin nicht in seinem Rettungsversuch für CA 16 am Ende seiner Predigt. „Segnet, die euch verfluchen!“ sagt der Predigttext (Lk 6, 27-31). Wie lässt sich über diesen Text predigen, ohne die blutige Spur des Fluches von 1530 zu erwähnen?
Zumindest implizit wurde der Pazifismus der Täufer in dieser Predigt erneut verurteilt und damit ihre Verwerfung bestätigt. Dies geschah dadurch, dass die Grundposition von CA 16 zu einem allgemeinen Postulat für alle Christen gemacht wurde: „dass es für einen Christenmenschen unverzichtbar ist, sich in der Welt mit all ihren Abgründen zu engagieren“. Auch als Soldaten im Abgrund des Krieges? Das täuferische Verständnis von Kirche als Kontrastgesellschaft, die in der Nachfolge Jesu Reich Gottes leben will, wird denunziert, indem dem Weltengagement der Rückzug „in ein frommes Ghetto“ gegenübergestellt wird.
Ob und wie der sogenannte „mündige Christ“ „Verantwortung in der Welt übernehmen muss“ ist seit dem 16. Jahrhundert Gegenstand der Debatte. Die Täufer wollten nicht nach den Regeln der „Welt“ Verantwortung übernehmen. Sie wollten nicht das Töten von Menschen verantworten, um den Bestand der Gesellschaft zu sichern. Sie wollten in dieser Sache der klaren Lehre und dem Beispiel ihres Herrn folgen. Sie wollten nach 1 Petr 3,15 allerdings „jederzeit bereit sein zur Verantwortung gegen jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist“. So das Motto der täuferischen Programmschrift von Peter Ridemann „Rechenschaft unserer Religion, Lehre und Glaubens ...“ 1540/41.
In EKD-Friedensdenkschriften seit den 1950er Jahren läuft die „Übernahme von Verantwortung“ darauf hinaus, dass als „ultima ratio“ auch Gewalt eingesetzt wird. Und es ist klar, dass auch Christen da mitmachen. Die Logik der Argumentation steht dabei ganz in der Linie von CA 16. Die Gewaltfreiheit Jesu lässt man seit dem 2. Weltkrieg zwar als „komplementäre“ Handlungsweise gelten, behauptet aber, nur zusammen mit der Bereitschaft zum Töten und Kriegführen ergebe sich daraus ein gültiges Zeugnis. Damit stehen diese Denkschriften allesamt im Gegensatz zu Lehre und Leben Jesu. Das gewaltfreie Zeugnis wird bewusst neutralisiert. Der amerikanische mennonitische Theologe John Howard Yoder prägte dafür den Begriff „konstantinische Häresie“.
In geradezu atemberaubender Weise folgert Martin aus CA 16, dass „Christen sich im Sinne der Feindesliebe für Methoden gewaltfreier Konfiktbearbeitung einsetzen“, dies entspreche „genau (sic!) dem Grundanliegen von CA 16“. Ich finde Martin formuliert hier sehr wenig „genau“. Er hätte durchaus CA 16 als lutherisches Erbe reklamieren können, zugestehen, dass es früher einiges Unheil angerichtet hat, und sich der Frage stellen, ob es denn heute eher Heil oder Unheil wirke. Niemand hätte etwas gegen den Wunsch gehabt, dass es in Zukunft als Motivation zu gewaltfreier Konfliktbearbeitung gedeutet werden möge. Vielleicht hätte er noch anschließen können, dass die Worte Jesu zu dieser Thematik eine viel stärkere und grundlegendere Motivation und Handlungsanleitung bieten.
Der Grundfehler der protestantischen sozialethischen Argumentationsweise, die auch CA 16 prägt, liegt darin, dass sie keinen Jesus braucht für ihre Schlüsse. CA 16 leugnet den Imperativ der Nachfolge und der Feindesliebe, indem es Jesus in ein „innerlich, ewig Wesen und Gerechtigkeit des Herzens“ einschließt, und ihn für unzuständig erklärt für „weltlich Regiment, Polizei und Ehestand“. Wo der Heiland ausgeschlossen wird aus der ethischen Urteilsfindung, kann es aber auch mit dem Heil nicht weit her sein.
Ist Feindesliebe zudem nicht viel mehr als gewaltfreie Konfliktbearbeitung? Viel mehr als Methode? Feindesliebe kommt aus der Kraft, die Jesus am Kreuz sagen ließ „Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ Ein Satz, den in seiner Nachfolge der in Augsburg 1528 hingerichtete Täufer Hans Leupold in seinem kurz vor der Hinrichtung gedichteten Lied nachsprach.
Mag sein, dass CA 16 „geradezu [als] eine Aufforderung zum friedensethischen Engagement“ verstanden werden kann. Ich halte es jedoch für entscheidend, wo die Orientierungspunkte unserer Friedensethik liegen, bzw. ob wir als Christen Friedensethik oder Friedenstheologie treiben. Verorten wir die Orientierungspunkte wie CA 16 und die kirchliche Friedensethik seit Augustin weiter in Naturrecht und griechisch/römischer Philosophie und damit außerhalb des ethischen Bezugsrahmens des Neuen Testaments? Oder gelingt eine friedenstheologische Orientierung, die sich bezieht auf Jesus Christus, den wir doch ökumenisch als Inkarnation Gottes bekennen?
Verdammt? nochmal!? Sind wir in Augsburg am Ende eines ansonsten hevorragenden Studientages erneut verdammt worden? Nicht in der groben Sprache des 16. Jahrhunderts. Doch Argumentationsstruktur und Denklogik der Predigt verwerfen die Nachfolgeekklesiologie der Täufer erneut als naiv und nur in ein „frommes Ghetto“ passend. Nicht alle Gottesdienstbesucher hatten nach diesen Gedankengängen das Bedürfnis am Abendmahl teilzunehmen. Es bleibt viel zu tun in der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt.
Wolfgang Krauß
