Mennonitisch-Katholischer Dialog:1200

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Mennonitisch-Katholischer Dialog


B. Eine Skizze der religiösen Situation Westeuropas am Vorabend der Reformation


30. Am Vorabend der Reformation begann für das christliche Europa eine Zeit des Wandels, die den Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit markiert.(8) Bis 1500 war die Kirche der Brennpunkt der Einheit und die beherrschende Institution der europäischen Gesellschaft gewesen. Aber zu Beginn der Neuzeit wurde ihre Autorität durch die wachsende Macht der ersten modernen Staaten in Frage gestellt. Sie festigten und zentralisierten ihre politische Macht und Souveränität über einzelne geographische Gebiete. Sie versuchten, ihre Macht über ihre Untertanen in vielen Bereichen des menschlichen Lebens zu stärken. Jahrhunderte lang waren weltliche Herrscher der Ansicht, sie seien für die Religion in ihren Staaten verantwortlich. Nun aber hatten sie neue Mittel zu ihrer Verfügung, um eine derartige Autorität zu festigen. Dies brachte sie manchmal in Konflikt mit der Kirche, z.B. auf dem Gebiet der Besetzung kirchlicher Stellen, der Gerichtsbarkeit und der Steuern.

31. Der Aufstieg der frühen modernen Staaten führte zu einem Nachlassen des christlichen Einheitsbewusstseins. Das Ideal einer geeinten Christenheit (christianitas), das seinen Höhepunkt im Zeitalter der Kreuzzüge erreichte, war im Schwinden begriffen. Dieser Prozess war schon durch die Ereignisse des 14. und 15. Jahrhunderts in Gang gekommen. Zu dieser Zeit fand die sogenannte Babylonische Gefangenschaft der Päpste statt (1309-1377), als die Päpste in Avignon (heute in Süd-Ost Frankreich) residierten. Dann folgte das sogenannte Große Westliche Schisma (1378-1417), als zwei oder sogar drei rivalisierende Päpste Anspruch auf das Papstamt erhoben.

32. Zu derselben Zeit erlebte ein geteiltes Europa massive soziale und wirtschaftliche Veränderungen. Das 16. Jahrhundert war eine Zeit gewaltigen Bevölkerungswachstums. Historiker schätzen, dass die europäische Bevölkerung von 55 Millionen im Jahre 1450 auf 100 Millionen im Jahre 1650 wuchs. Dieses Wachstum trat natürlich besonders in den Städten hervor, obwohl die Mehrzahl der Bevölkerung noch auf dem Lande lebte. Das Bevölkerungswachstum ging auch mit einem wirtschaftlichen Aufschwung einher, der hauptsächlich den städtischen Mittelschichten zugute kam. Sie wurden die entscheidenden Träger der kirchlichen Entwicklungen im 16. Jahrhundert, sowohl in der Reformation als auch in der katholischen Erneuerung. Aber zugleich ging das wirtschaftliche Wachstum mit einer wachsenden Kluft zwischen reich und arm einher, besonders in den Städten, aber auch auf dem Lande. Soziale Unruhen und Aufruhr wurden ein vertrautes Phänomen in der städtischen Gesellschaft, wie es die Bauernaufstände in den Dörfern waren. Bis zu einem gewissen Grad bereitete diese soziale Unruhe auch den Boden für die Radikale Reformation.(9)

33. Während dieser Zeit erlebte die kulturelle Elite Europas eine fortschreitende geistige und kulturelle Erneuerung, die mit den Begriffen “Renaissance” und “Humanismus” bezeichnet wird. Diese Entwicklung zeigte in Europa viele Gesichter. In Italien hatte sie z.B. einen “heidnischeren” Zug als in Nordeuropa, wo “Bibelhumanisten” wie Erasmus und Thomas Morus die humanistischen Methoden nutzten, um Frömmigkeit und biblische Studien zu fördern. Mittlerweile wurde der Humanismus in Frankreich hauptsächlich vom Wiederaufleben eines gesetzlichen Denkens getragen. Der geistige Kern der Renaissance, die in Italien im 15. Jahrhundert Wurzeln schlug, ist in den berühmten Worten des Historikers Jakob Burkhardt als die “Entdeckung der Welt und des Menschen” treffend zum Ausdruck gebracht. Diese Worte weisen auf eine neue Wertschätzung der Welt hin, die den Menschen umgibt. Sie künden auch ein neues Selbstbewusstsein an, das durch die Erkenntnis des einzigartigen Wertes und Charakters des einzelnen menschlichen Individuums gekennzeichnet ist. Der Humanismus kann als die entscheidende intellektuelle Manifestation der Renaissance betrachtet werden. Er brachte einen Aufschwung des Studiums der alten klassischen Literatur, sowohl der lateinischen als auch der griechischen. Aber er förderte auch die Sehnsucht, zu den Wurzeln der europäischen Kultur zurückzukehren, zurück zu den Quellen (ad fontes) und zu ihren Wertvorstellungen. Im Christentum führte dies zu einem vertieften Studium der Heiligen Schrift in ihren Originalsprachen (Hebräisch und Griechisch), der Kirchenväter und anderer Erkenntnisquellen über die Alte Kirche. Das führte auch zur Erforschung anderer Quellen der Erkenntnis über die Alte Kirche. Der Humanismus hatte auch ein Erziehungsprogramm im Gefolge, das hauptsächlich die wachsenden städtischen Mittelschichten erreichte. Es förderte deren Selbstbewusstsein und befähigte sie, an Regierung und Verwaltung teilzunehmen und bestimmte Verpflichtungen und Aufgaben im kirchlichen Leben und in der kirchlichen Organisation zu übernehmen.

34. Am Vorabend der Reformation blühten das kirchliche Leben und die Frömmigkeit. Lange Zeit haben katholische wie protestantische Kirchenhistoriker das religiöse Leben am Ende des Mittelalters unter dem Aspekt der Krise und des Verfalls beschrieben. Aber heute wächst das Bewusstsein, dass diese Begriffe eine rückblickende Bewertung der Situation des Mittelalters wiederspiegeln, die von unangemessenen Kriterien bestimmt war. Es gibt eine wachsende Tendenz unter katholischen wie protestantischen Historikern, das religiöse Leben um das Jahr 1500 positiver zu bewerten.(10) Viele betrachten diese Zeit jetzt als eine Zeit religiöser Lebendigkeit, als eine Zeit, in der Religiosität “Hochkonjunktur” hatte. Sie nehmen die Reformation und die Katholische Reform nicht nur als eine Reaktion auf das spätmittelalterliche religiöse Leben wahr, sondern auch und grundsätzlich als das Ergebnis und die Frucht dieser religiösen Lebendigkeit. Gewiß hat es Missbräuche unter den Klerikern, unter der Hierarchie und den Päpsten und unter den Mönchen gegeben. Es gab Missbräuche in der Volksfrömmigkeit, im kirchlichen Steuerwesen und im System der Seelsorge und der Verwaltung. Das Fernbleiben der Pfarrgeistlichen und Bischöfe von ihren Stellen und die Häufung von Pfründen gehören zu den Anzeichen dieses Problems.

35. Doch das war kaum die ganze Geschichte. Das religiöse Leben war zu dieser Zeit gekennzeichnet durch eine neue Wertschätzung einer guten Predigt und einer religiösen Erziehung, besonders unter den städtischen Mittelschichten. Es herrschte ein starkes Verlangen nach einem tieferen Glauben. Bibelübersetzungen erschienen in den bedeutenderen europäischen Volkssprachen und verbreiteten sich durch den vor kurzem erfundenen Buchdruck. Religiöse Bücher beherrschten den Buchmarkt. Die vielen Bruderschaften, die am Vorabend der Reformation gegründet wurden, sorgten für die Verbreitung einer Laienfrömmigkeit. Diese Bruderschaften nahmen sich der sozialen und religiösen Bedürfnisse der Laien an, indem sie Prozessionen und Andachten organisierten, Gebetsgottesdienste und Predigten anboten und Erbauungsbücher in der Volkssprache verbreiteten. Sie widmeten sich auch der Fürsorge und Hilfe für Kranke und Sterbende und für Menschen, die in anderer Weise in Bedrängnis waren. Eifrige Laienbewegungen wie die sogenannte Devotio Moderna(11) und auch Prediger und Schriftsteller aus verschiedenen religiösen Orden verbreiteten eine Spiritualität der Nachfolge und der “Nachahmung Christi”. Viele der religiösen Orden erlebten im 15. Jahrhundert selbst Reformbewegungen, die zur Bildung von Zweigen der strengen Observanz führten. Diese Gruppen wünschten, ihre Ordensregeln in der genauen und ursprünglichen Weise zu befolgen, in der sie ihr Gründer befolgt wissen wollte.

36. Allgemein erlebte die Kirche Reformbewegungen, deren Ziel es war, die Gemeinschaft der Christen von ihrer Verweltlichung zu befreien. Von den schlichten Gläubigen bis hin zu den höchsten kirchlichen Würdenträgern wurden die Christen aufgerufen, zur Einfachheit der neutestamentlichen Christenheit zurückzukehren. Diese Reformen, die Menschen auf jeder Ebene der Gesellschaft und der Kirche betrafen, kritisierten den Prunk der kirchlichen Hierarchie, redeten gegen die Missachtung der Residenzpflicht unter den Seelsorgern, prangerten das Fehlen einer guten und regelmäßigen Predigt an und stellten die Gier in Frage, mit der die führenden Männer der Kirche darauf aus waren, kirchliche Ämter zu erwerben. Diese spätmittelalterlichen Reformbewegungen hatten Ideale vor Augen, die ein oder zwei Jahrhunderte später Gemeingut in der protestantischen Reformation, in der radikalen Reformation und auch in der katholischen Reform werden sollten.

37. Natürlich fanden sich in der Volksfrömmigkeit des Spätmittelalters auch eine gewisse Veräußerlichung und sogar Verdinglichung sowie Aberglaube. Dies zeigte sich besonders in den vielen Andachten, in Prozessionen und Pilgerfahrten und in der Verehrung der Heiligen und der Reliquien. Aber zugleich gibt die Ausübung dieser vielen Formen religiösen Verhaltens ein starkes Verlangen nach Erlösung und religiöser Erfahrung sowie einen Eifer für das Heilige zu erkennen. Im 16. Jahrhundert profitierten die protestantische Reformation, die radikale Reformation und auch die katholische Reform offenkundig von dieser Sehnsucht nach einer gehobeneren Spiritualität.


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